Inselradio Föhr Friesische Karibik für die Ohren
Sonja verbindet ihre Leidenschaft fürs Radfahren mit einem wichtigen Anliegen und sammelte auf ihrer über 2.000 Kilometer langen Tour mehr als 4.300 Euro für den Kinderschutz.
Während viele Menschen ihren Sommerurlaub am Strand genießen, sitzt Sonja jeden Tag stundenlang im Fahrradsattel. Mehr als 2.000 Kilometer legt die junge Heilpädagogin auf ihrer außergewöhnlichen Spendenradtour zurück – nicht, um Rekorde aufzustellen, sondern um auf ein Thema aufmerksam zu machen, das viel zu oft im Verborgenen bleibt: sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Als Sonja einige Tage auf Föhr Station machte, besuchte sie auch das Inselradio Föhr und sprach offen über ihre Reise, ihre Motivation und die vielen bewegenden Begegnungen unterwegs.
Schon beim ersten Eindruck wird klar: Sonja steckt voller Energie, Begeisterung und Überzeugung. Dabei liegen zum Zeitpunkt unseres Gesprächs bereits rund 1.400 Kilometer hinter ihr. Die Route führte sie durch Deutschland, Belgien, Luxemburg und die Niederlande, bevor sie schließlich Föhr erreichte. Nach einigen Tagen Erholung auf der Insel soll die Reise weiter Richtung Kopenhagen gehen. Ihr endgültiges Ziel steht dabei bewusst gar nicht fest. Viel wichtiger ist ihr der Weg selbst – und die Menschen, denen sie unterwegs begegnet.
Im normalen Leben studiert Sonja im Master Klinische Heilpädagogik. Zusätzlich absolviert sie eine Ausbildung zur systemischen Beraterin und Therapeutin, arbeitet im Fitnessstudio und engagiert sich bei der Fachberatungsstelle Wendepunkt e. V., die Betroffene sexualisierter Gewalt unterstützt. Genau für diese Einrichtung sammelt sie während ihrer Reise Spenden.
Dass sie sportlich unterwegs ist, überrascht dabei kaum. Bereits mit sieben Jahren absolvierte sie ihre erste mehrtägige Fahrradtour entlang der Donau – mit eigenem Gepäck. Später folgten Triathlon, Trailrunning und viele weitere sportliche Herausforderungen. Irgendwann verlor sie allerdings die Freude am leistungsorientierten Sport. Das Radreisen brachte ihr genau das zurück, was ihr fehlte: Freiheit, Selbstbestimmung und das bewusste Erleben der Natur. Ursprünglich hätte ihre Tour sogar bis nach Barcelona führen können. Wegen der erwarteten Sommerhitze entschied sie sich jedoch kurzfristig für eine Route Richtung Norden. Eine Entscheidung, die sie bis heute nicht bereut.
Wer glaubt, eine solche Tour bestehe nur aus Fahrradfahren, unterschätzt den Aufwand gewaltig. Rund 45 Kilogramm Gepäck transportiert Sonja auf ihrem Reiserad. Zelt, Schlafsack, Campingkocher, Kleidung, Verpflegung und alles, was man für mehrere Wochen unterwegs benötigt, müssen mit. Besonders wichtig sei dabei das Essen, erzählt sie lachend, denn der tägliche Kalorienverbrauch sei enorm.
Übernachtet wird dort, wo sich gerade eine Möglichkeit ergibt. Mal auf Campingplätzen, mal in Hostels oder bei Menschen, die sie spontan einladen. Auf Föhr durfte sie einige Tage in einer Ferienwohnung verbringen – inklusive der Möglichkeit, endlich wieder Wäsche zu waschen. Nach vielen Tagen auf dem Fahrrad sei das echter Luxus gewesen, erzählt sie schmunzelnd. Auch die Natur stellt sie immer wieder vor Herausforderungen. Kalte Nächte mit gerade einmal acht Grad im Zelt, starker Gegenwind, Dauerregen, Gewitter oder große Hitze gehören genauso zur Reise wie wunderschöne Landschaften und beeindruckende Sonnenuntergänge.
Was Sonja am meisten bewegt, sind nicht die gefahrenen Kilometer, sondern die Menschen unterwegs. Immer wieder wird sie auf ihre Tour angesprochen. Es entstehen Gespräche, spontane Hilfsangebote oder sogar Einladungen zum Übernachten. Sie erzählt von Menschen, die ihr Essen spendierten, ihr einen Schlafplatz anboten oder sie einfach mit aufmunternden Worten unterstützten. Gerade in einer Zeit, in der häufig über negative Nachrichten gesprochen werde, zeige ihr diese Reise vor allem eines: Es gebe unglaublich viele hilfsbereite Menschen. Auch auf Föhr machte sie diese Erfahrung. Bereits kurz nach ihrer Ankunft kam sie mit anderen Gästen ins Gespräch und spürte sofort die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen.
Schon vor dem Start ihrer Reise hatten Unterstützerinnen und Unterstützer über 1.000 Euro gespendet. Während unseres Gesprächs lag die Spendensumme bereits bei rund 2.200 Euro – das Ziel waren ursprünglich 3.000 Euro. Inzwischen hat Sonja dieses Ziel sogar deutlich übertroffen: Am Ende ihrer Tour kamen insgesamt 4.325 Euro für Wendepunkt e. V. zusammen.
Doch Geld allein ist für sie nicht das Wichtigste. Ihr eigentliches Anliegen ist es, Aufmerksamkeit für sexualisierte Gewalt zu schaffen und Betroffenen eine Stimme zu geben. Durch ihre Arbeit erlebt sie immer wieder, wie wichtig Aufklärung, Sensibilität und professionelle Hilfe sind. Dabei möchte sie den Menschen keine Angst machen, sondern Mut. Mut hinzuschauen, zuzuhören und Betroffene ernst zu nehmen. Genau dafür nutzt sie ihre außergewöhnliche Reise.
Auf ihrer Tour lernt Sonja nicht nur viele Menschen kennen, sondern auch sich selbst. Sie habe festgestellt, wie gut sie allein unterwegs sein könne und wie offen Begegnungen entstehen, wenn man sich einfach darauf einlasse. Gleichzeitig möchte sie zeigen, dass Frauen durchaus alleine reisen können – vorausgesetzt, sie seien aufmerksam und könnten ihre eigenen Grenzen setzen. Für die kommenden Tage freut sie sich besonders auf Kopenhagen. Einen festen Plan verfolgt sie dabei bewusst nicht. Viel lieber lässt sie ihre Reise entstehen und entscheidet spontan, wohin der nächste Abschnitt führt.
Am Ende bleibt weit mehr als eine beeindruckende sportliche Leistung. Über 2.000 Kilometer auf dem Fahrrad, zahlreiche bewegende Begegnungen und eine Spendensumme von mehr als 4.300 Euro zeigen, was entstehen kann, wenn Leidenschaft auf Engagement trifft. Sonjas Tour macht deutlich, dass manchmal schon ein einzelner Mensch genügt, um Aufmerksamkeit für ein wichtiges Thema zu schaffen – Kilometer für Kilometer.
Titelbild: Stefan Gaul
Geschrieben von: admin
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