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Die Fliegerei hat Hans-Jürgen Ruck fast sein gesamtes Leben begleitet. Nach einem schweren Flugzeugabsturz 1964 kämpfte er sich zurück ins Cockpit und wurde später Berufspilot. Heute lebt der 83-Jährige am Flugplatz in Wyk auf Föhr.
Ein Flugzeugabsturz hätte Hans-Jürgen Rucks Leben 1964 beinahe beendet. Sein Fluglehrer starb, Ruck wurde schwer verletzt und galt später als zu 80 Prozent schwerbehindert. Trotzdem kehrte er ins Cockpit zurück, wurde Berufspilot und flog noch mit 82 Jahren. Heute lebt der 83-Jährige auf Föhr.
Dass dieses Gespräch ausgerechnet am Wyker Flugplatz stattfindet, passt. Ruck wohnt ganz in der Nähe, kann von seinem Balkon die Flugzeuge beobachten und hört noch heute den Funkverkehr mit. Und Föhr begleitet ihn schon seit Jahrzehnten. Seine Erinnerung an den ersten Besuch auf dem Flugplatz führt zurück zu einer kleinen Piper J3C – einem Flugzeug, bei dem die Luftschraube noch von Hand angeworfen werden musste. Begonnen hatte seine Leidenschaft allerdings noch kleiner: mit Modellflugzeugen. Ruck baute sie selbst, nahm an Wettbewerben teil und gewann dabei unter anderem Fernsteuerungsanlagen und neue Bausätze. Irgendwann reichte ihm das Modell am Himmel nicht mehr.
Auch Föhr wurde früh Teil dieser Geschichte. Die Familie hatte damals einen Wohnwagen am Fährsteg stehen. Weil Ruck beruflich stark eingespannt war, suchte er nach einem schnelleren Weg auf die Insel – und fand ihn in der Luft. Für 12.000 Mark kaufte er sich später eine Piper J3C. „Dann war ich innerhalb von 45, 50 Minuten auf der Insel, sonnabends, und sonntags ging es wieder zurück.“ Aus den Wochenendflügen wurde eine immer engere Verbindung. Ruck kaufte eine Wohnung in unmittelbarer Nähe des Flugplatzes. Seit rund 13 oder 14 Jahren ist Föhr nach seinen Angaben sein erster Wohnsitz. Auch wenn der Rentner heute viel reist, sagt er: „Es zieht mich immer wieder her.“
Der einschneidendste Moment seines Lebens liegt mehr als sechs Jahrzehnte zurück. 1964 befand sich Ruck noch in der Flugausbildung. Während einer Mittagspause war das Modellflugzeug eines Auszubildenden in einem Kornfeld verschwunden. Ruck wollte aus der Luft bei der Suche helfen. Weil er als Flugschüler nicht allein fliegen durfte, nahm ein Fluglehrer vorne in der Piper Platz. Über dem Feld wurde die Maschine langsam geflogen. Ruck öffnete seitlich die Klappe, um nach unten zu rufen, wo das Modell lag. Dabei trat er nach seiner heutigen Erinnerung vermutlich ins Seitenruder. „Das Flugzeug machte aus circa 150 Metern eine Steilspirale und schlug auf dem Erdboden auf.“ Sein Fluglehrer überlebte den Absturz nicht. Ruck war im Wrack eingeklemmt. Nach seiner Erinnerung dauerte es rund anderthalb Stunden, bis er befreit werden konnte. Seine Schilderungen aus dem Krankenhaus sind bis heute drastisch. Arme, Beine, Rücken, Schädel, Kiefer und Schulter seien schwer verletzt gewesen. Er erinnert sich daran, Stimmen gehört zu haben – darunter einen Satz, den er nie vergessen hat: „Das wird sowieso nichts mehr, den schieb mal in die Ecke.“
Doch Ruck lebte am nächsten Tag noch. Die Ärzte begannen, um sein Leben und später um seine Genesung zu kämpfen. Fast zwei Wochen sei er nicht bei Bewusstsein gewesen, etwa anderthalb Jahre habe es gedauert, bis er wieder einigermaßen hergestellt gewesen sei. Eine Phase während des Krankenhausaufenthalts beschreibt Ruck rückblickend als Nahtoderfahrung: keine Schmerzen, ein Gefühl des Schwebens und völliger Freiheit. Der Unfall hinterließ bleibende Folgen. Ruck galt später als zu 80 Prozent schwerbehindert. Und er musste nicht nur mit den eigenen Verletzungen leben, sondern auch damit, dass sein Fluglehrer bei dem gemeinsamen Absturz ums Leben gekommen war. Den möglichen eigenen Fehler blendet er heute nicht aus. Vielmehr habe gerade dieses Erlebnis sein späteres Verhalten als Pilot geprägt: kontrollieren, noch einmal kontrollieren und möglichst kein unnötiges Risiko eingehen.
Nach seiner Genesung wollte Ruck zurück ins Arbeitsleben. Doch mit seiner Schwerbehinderung, erzählt er, wollte ihn zunächst niemand einstellen. Schließlich übernahm er eine Tankstelle in Neumünster, später eine größere direkt am Flugplatz. Und dort kam der alte Traum mit jedem Flugzeug zurück. „Immer wenn ich zur Arbeit ging und ein Flugzeug über mich hinweg flog, hab ich gesagt: Oh, das möchtest du auch wieder. Endlich wieder fliegen.“
Ruck ging zu einem Arzt. Trotz eines gelähmten Fußes bekam er nach der Untersuchung die medizinische Freigabe für den Privatpilotenschein. Die Ausbildung ging schnell. Vieles, was er vor dem Absturz gelernt hatte, war noch da. Doch der Privatpilotenschein genügte ihm irgendwann nicht mehr. Ruck flog nach eigenen Angaben bereits große Teile Europas, wechselte mehrfach die Flugzeugtypen und saß schließlich in einer schnellen Mooney 231. Immer häufiger fragten Geschäftsleute, ob er sie zu Terminen fliegen könne. Der nächste Entschluss stand fest: Berufspilot.
Für die Ausbildung ging Ruck in die USA, erwarb dort zunächst eine Berufspilotenlizenz und absolvierte Instrumentenflugtraining. Besonders die intensive Schulung ist ihm geblieben. Sein Fluglehrer habe ihn immer wieder in Situationen gebracht, aus denen er die Maschine sicher zurück in eine kontrollierte Fluglage bringen musste. Als seine Kunden zunehmend zweimotorig fliegen wollten, folgte der nächste Schritt. Ruck kaufte in den USA eine Piper Seneca. Dafür, erzählt er lachend, habe er bei seiner Bank kurzerhand 200.000 Mark für ein Flugzeug angefragt – und tatsächlich bekommen.
Damit begann ein Berufsleben, das Ruck quer durch Europa führte. Besonders häufig ging es nach der politischen Öffnung Richtung Osten. Für ein Hamburger Unternehmen flog er teilweise zwei- bis dreimal pro Woche nach Warschau: morgens hin, abends zurück. Schnee, Eis und schwierige Wetterlagen gehörten dazu. Unter seinen Passagieren waren neben zahlreichen Geschäftsleuten auch bekannte Persönlichkeiten. Eine Erinnerung verbindet Ruck mit dem früheren sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf. Er sollte ihn von Bonn nach Dresden bringen. Nach der späten Landung konnte Ruck an diesem Abend nicht mehr weiterfliegen. Biedenkopfs Frau lud ihn kurzerhand ein, bei der Familie zu übernachten. Am nächsten Morgen saß der Pilot gemeinsam mit dem Ehepaar und den Sicherheitskräften beim Frühstück.
Eine andere Anfrage lehnte er dagegen ab: Ruck sollte Michail Gorbatschow in Bonn abholen. Die Organisation und seine beruflichen Verpflichtungen ließen sich für ihn damals nicht miteinander vereinbaren. „So sehr spannend, wie das war und ich bestimmt sehr stolz gewesen wäre – aber da habe ich Nein gesagt.“ Mindestens genauso wichtig wie prominente Namen sind für Ruck heute jedoch die Erinnerungen an seine langjährigen Kunden. Kurz nachdem er sich endgültig von der Fliegerei verabschiedet hatte, erreichte ihn die Nachricht eines früheren Passagiers. Der erinnerte sich an einen schwierigen Anflug auf Hamburg: Dunkelheit, Gewitter, heftige Turbulenzen und strömender Regen. Ruck brachte die Maschine sicher herunter; kurz darauf sei der Flughafen wegen des Gewitters geschlossen worden. Dass ein ehemaliger Kunde Jahrzehnte später gerade diese Ruhe und Sicherheit in Erinnerung behalten hatte, ging Ruck nahe. „Da sind mir fast die Tränen gekommen.“
Seine außergewöhnliche Lebensgeschichte hat Ruck schließlich aufgeschrieben. „Abgestürzt und aufgestanden – Wie trotzdem Träume wahr werden“ heißt das rund 191 Seiten starke Buch. Vor etwa sieben oder acht Jahren habe er daran gearbeitet. Dabei sei es ihm ausdrücklich nicht darum gegangen, sich selbst ein Denkmal zu setzen. „Der Hintergrund war jetzt nicht irgendwo sozusagen: ‚Hier, ich bin der Größte‘.“ Stattdessen versteht er sein Buch als Mutmacher. Beim Schreiben kamen viele längst vergangene Erinnerungen wieder hoch. Längst nicht alles schaffte es auf die Seiten – sonst, sagt Ruck, hätte das Buch doppelt so dick werden können.
Seine persönliche Botschaft zieht sich durch das gesamte Gespräch: Rückschläge akzeptieren, nach Möglichkeiten suchen und nicht vorschnell aufgeben. Ruck selbst formuliert das kompromisslos: „Wenn alle immer gesagt haben: Der kann sowieso nichts, habe ich gesagt: Ich beweise euch das.“ Diese Haltung hat ihm nach eigener Überzeugung durch schwierige Phasen geholfen. Seine Erfahrungen überträgt Ruck auch auf andere Lebenssituationen und Krankheiten. Dabei bleibt es seine ganz persönliche Sicht auf das Leben – eine, die aus einem Absturz, schwersten Verletzungen und seinem eigenen Weg zurück entstanden ist.
Die Leidenschaft blieb Hans-Jürgen Ruck fast sein gesamtes Leben erhalten. Noch mit 82 Jahren ist er nach eigener Aussage privat geflogen. Heute, mit 83, ist Schluss. Und ausgerechnet seine Frau spielte bei dieser Entscheidung eine entscheidende Rolle. Sie habe ihn immer wieder daran erinnert, rechtzeitig aufzuhören und die Fliegerei so in Erinnerung zu behalten, wie sie für ihn über Jahrzehnte gewesen ist: etwas Schönes. Früher fuhr Ruck auch unterwegs immer wieder zu Flugplätzen, nur um zuzusehen. Das macht er inzwischen nicht mehr. Auf Föhr ist das anders. Hier liegt der Flugplatz praktisch vor seiner Haustür. Vom Balkon schaut er auf startende und landende Maschinen, über sein kleines Funkgerät hört er mit, wer kommt und wer geht.
Warum ihn das Fliegen ein Leben lang fasziniert hat, lässt sich für ihn trotzdem kaum in Worte fassen. Er erzählt von Instrumentenflügen durch eine geschlossene Wolkendecke und dem Moment, wenn plötzlich die Sonne erscheint. Von Flügen über Deutschland, Frankreich, Portugal, Spanien und Italien. Und vom Wattenmeer vor Föhr, das von oben jeden Tag anders aussieht: Wasser verschwindet, Sandbänke tauchen auf, Landschaften verändern sich mit den Gezeiten. Auch technisch liegen Welten zwischen seinen ersten und letzten Flügen. Früher waren es Kompass, Karte auf dem Knie und der Blick nach draußen auf Straßen und andere Orientierungspunkte. Später machten GPS und moderne Avionik die Navigation grundlegend anders. Zurück ins Cockpit möchte er trotzdem nicht. Auch nicht für einen einzigen Flug. „Ich habe wirklich abgeschlossen“, sagt Ruck. „Ich habe jetzt den Schluss gefunden.“
Am Ende seines Lebenswegs steht für Hans-Jürgen Ruck deshalb nicht der Absturz. Er steht auch nicht für das, was danach körperlich nicht mehr möglich war. Entscheidend ist für ihn vielmehr das, was trotzdem möglich wurde. Jungen Menschen gibt der 83-Jährige einen Rat mit: Sie sollten ihren eigenen Weg suchen und einen Beruf wählen, der ihnen Freude bereitet – und nicht ausschließlich auf das spätere Einkommen schauen. Nur wer Freude an dem habe, was er tue, könne darin auch wirklich aufgehen. Ruck sagt, dass er diese Freude sowohl in der Fliegerei als auch in seinen anderen beruflichen Tätigkeiten gefunden habe.
Die Folgen des Absturzes von 1964 spürt er körperlich noch heute. Belastet fühle er sich dadurch aber nicht mehr. Mehr als sechs Jahrzehnte nachdem ein Flugzeugabsturz sein Leben beinahe beendet hätte, sitzt Hans-Jürgen Ruck am Flugplatz auf Föhr, hört die Piloten im Funk und schaut den Maschinen hinterher. Und vielleicht fasst kein Satz seine Geschichte besser zusammen als sein eigener: „Ich gucke heute zurück auf ein unwahrscheinlich glückliches Leben, trotz des Unfalls.“
Fotos: Stefan Gaul
Geschrieben von: admin
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