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Heinz Strunk hat ein neues Buch mit Titel «Memories of Heidelberg» herausgebracht. (Archivbild) Foto: Georg Wendt/dpa
Berlin (dpa) – «Memories of Heidelberg sind memories of you», flötete die junge Peggy March in den 1960er Jahren vor der romantischen Kulisse der alten Universitätsstadt. Angeblich soll das in mehrere Sprachen übersetzte Liebesliedchen der amerikanischen Sängerin Heidelberg noch populärer gemacht haben, als es eh schon war. Heinz Strunks neues Buch greift nicht nur im Titel den angestaubten Schlager auf, vielmehr wabert der Song wie ein roter Faden durch die gesamte Erzählung.
Die süßlichen Zeilen der Heidelberger Liebesromanze stehen allerdings im krassen Gegensatz zu der Geschichte, die der Autor erzählt. Gaukeln Titel und Cover vielleicht noch ein heiteres Urlaubs- oder Nostalgiereisebuch vor, nimmt Strunk uns in Wahrheit mit auf den Höllentrip eines angejahrten Paares, dessen Liebe schon vor vielen Jahren abhandenkam und «jetzt in einer Art Totenstarre» verharrt.
«Memories of Heidelberg» erinnert dabei an das Vorgängerbuch «Ein Sommer in Niendorf», in dem Strunk ebenfalls vor der Attrappe eines Urlaubsidylls eine brutale Abstiegsgeschichte inszeniert.
Isolde und Betram – «Namen wie aus einem Loriot-Sketch» – reisen zur Feier des 80. Geburtstags von Isoldes Mutter von Oldenburg nach Heidelberg. Dort quartieren sie sich in einem extrem teuren Boutiquehotel am Neckarufer ein. Von Beginn an zeigen sich Unstimmigkeiten.
So ist die Rezeption des angeblichen Luxushotels nur bis 18 Uhr geöffnet und die versprochene Loggia existiert gar nicht. Das eher mittelmäßige Essen nimmt das Paar auf einem Schiff gegenüber ein. Als die Schwiegermutter erkrankt und die Geburtstagsfeier sang- und klanglos abgesagt wird, möchte Bertram eigentlich nach Hause, kann sich aber wie immer nicht durchsetzen. Denn die walkürenhafte Isolde ist eindeutig die stärkere in der Beziehung. Zu Bertrams Kummer begehrt er seine üppige Ehepartnerin immer noch, wird von ihr aber seit Jahren zurückgewiesen.
Der stark übergewichtige Bertram tröstet sich mit Essen, denn er ist ein «herzhaft-süß-salzig-fleischiger Vertilger». Neben opulenten Menüs verschlingt er heimlich massenweise ungesunde Snacks wie das kalorienreiche «Mandelintermezzo». Bertram ist «ein Mandelfriedhof, der in einem Meer aus Nüssen, Fett und Zuckerwatte versinkt. Der BMI nördlich von 32. Allein mein Wanst wiegt so viel wie ein hungerndes Kind.»
Während Bertram sich mit seiner Fresssucht betäubt, wird das Essen auf dem zugigen Schiff von Tag zu Tag schlechter. Werden anfangs noch Spezialitäten wie «Ravioli von Felsenaustern und Spinat» offeriert, gibt es am Ende nur noch matschige Pizza, begleitet von italienischem Schlagergesäusel in Dauerschleife.
Auch der Service wird immer mieser, schlampiger und nachlässiger. Doch wie unter Zwang kommt das Paar immer wieder, wofür es am Ende vom Personal nur noch mit Verachtung und Hass bestraft wird. Bertram und Isolde aber betteln geradezu darum, schikaniert zu werden.
«Memories of Heidelberg» ist einmal mehr ein trauriges Loser-Porträt von Heinz Strunk, hier angereichert als sarkastisch-böser Kommentar zum Altern. Es ist ein Altern ohne Würde, ohne Stil und ohne Selbstachtung, das in der Person Bertrams vorgeführt wird. Dessen Mangel an Selbstachtung und Selbstbeherrschung führen am Ende dazu, dass er auch von niemandem sonst mehr respektiert wird.
Wie meist bei Strunk ist die Beschreibung des Niedergangs in derb-abstoßenden, teilweise amüsant-skurrilen Wortschöpfungen ausgemalt, die das morbide Untergangszenario lustvoll ausschmücken. Am Ende empfindet man nur noch Mitleid und Unverständnis mit dem traurigen Protagonisten.
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