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Inselnews

Unterwegs mit der „MS Adler Rüm Hart“: So sieht der Alltag von Kapitän Jan Christiansen aus

todayAugust 25, 2026 343 109 5

Hintergrund
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Zwischen Heimatliebe und Verantwortung: Unterwegs mit der „MS Adler Rüm Hart“ und Kapitän Jan Christiansen

Wie ist es, einen schnellen Katamaran durch das Wattenmeer zu steuern? Unsere Redaktion war an Bord der „MS Adler Rüm Hart“ und hat Kapitän Jan Christiansen auf der Brücke begleitet. Der Föhrer spricht über Verantwortung, schwierige Entscheidungen, seine ungewöhnlichsten Einsätze und darüber, warum es ihn nach Jahren auf See immer wieder in seine Heimatgewässer zieht.

Wer als Fahrgast mit der „MS Adler Rüm Hart“ durchs nordfriesische Wattenmeer fährt, sieht vor allem Inseln, Halligen, Priele und mit etwas Glück einen spektakulären Sonnenauf- oder -untergang. Doch ein paar Meter weiter vorne, auf der Brücke des Katamarans, sieht die Welt noch einmal ganz anders aus. Hier laufen Navigation, Technik, Wetter, Tide und die Verantwortung für zahlreiche Fahrgäste zusammen. Unsere Redaktion durfte genau dort Platz nehmen. Cecilia und Stefan waren mit Kapitän Jan Christiansen unterwegs und haben ihn während einer seiner Fahrten begleitet. Ein Föhrer, der auf großen Schiffen die Welt gesehen hat, selbst Reeder war und heute wieder dort angekommen ist, wo für ihn vieles begann: im Wattenmeer vor seiner Heimatinsel. Dabei wurde schnell deutlich: Für Jan Christiansen ist Kapitän nicht einfach nur ein Beruf. Die Seefahrt zieht sich inzwischen durch mehrere Generationen seiner Familie – und trotz aller Verantwortung gibt es noch immer diese Momente auf der Brücke, in denen auch ein erfahrener Seemann einfach nur hinausschaut und genießt.

Mit 16 Knoten durch das Wattenmeer

Die „MS Adler Rüm Hart“ ist kein gewöhnliches Fahrgastschiff. Der rund sieben Jahre alte Katamaran ist als Zweirumpfschiff für vergleichsweise hohe Geschwindigkeiten ausgelegt. Im Wattenmeer ist er nach Angaben Christiansens mit durchschnittlich rund 16 Knoten unterwegs – und nutzt damit die dort zulässige Geschwindigkeit aus, um schnelle Verbindungen zwischen Festland und Inseln zu ermöglichen. Für Jan Christiansen ist es inzwischen die fünfte Saison als Kapitän an Bord. Dass er ein modernes Schiff durch eines der zugleich faszinierendsten und anspruchsvollsten Reviere Deutschlands führen darf, erfüllt ihn mit Stolz. Denn hinter dem Steuerstand geht es um weit mehr als darum, einen Kurs einzustellen. Jan Christiansen trägt die Verantwortung für Schiff und Fahrgäste – und zugleich für eine Fahrt mitten durch das Weltnaturerbe Wattenmeer. „Man hat früher mal von Seefahrtsromantik gesprochen“, erzählt er während unserer Fahrt. Heute sei vieles schnelllebiger geworden. Geblieben sei vor allem eines: die große Verantwortung.

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Von Föhr hinaus in die Welt – und wieder zurück

Sein eigener Weg auf die Brücke begann ebenfalls auf Föhr. Jan Christiansen startete seine Ausbildung bei der Wyker Dampfschiffs-Reederei, wechselte später in die große Fahrt und war unter anderem auf Tankern, Containerschiffen und Schwergutschiffen unterwegs. Anschließend absolvierte er sein nautisches Studium in Cuxhaven und erwarb ein Kapitänspatent, mit dem er grundsätzlich Schiffe weltweit führen darf. Doch dann kam ein Angebot aus der Heimat. Der letzte Frachtschiffer Föhrs, Arne von Holt, musste seine Reederei aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und fragte den jungen Seemann, ob er sich eine Übernahme vorstellen könne. Jan Christiansen sagte zu – und wurde mit dem Schritt in die Selbstständigkeit zugleich Kapitän seines eigenen Schiffes.

Die Erfahrung als eigener Reeder prägt ihn bis heute. Entscheidungen einer Geschäftsführung könne er dadurch aus einer anderen Perspektive betrachten, erzählt er. Er kenne eben auch die andere Seite des Schreibtisches. Trotz seines großen Patents zog es ihn nicht dauerhaft auf Kreuzfahrtschiffe, große Containerfrachter oder andere Schiffe der weltweiten Fahrt. Seine Heimatgewässer waren am Ende stärker.

Der Autopilot als zusätzlicher „Assistent“

Während unseres Gesprächs wandert Jan Christiansens Hand immer wieder zu einem kleinen Bedienelement. Dahinter steckt ein Helfer, auf den er während längerer Strecken regelmäßig zurückgreift: der Autopilot. Er gibt den gewünschten Kurs vor, die Technik hält ihn. Dadurch muss das Schiff auf längeren Passagen nicht permanent von Hand gesteuert werden. Zeit zum Zurücklehnen bedeutet das allerdings nicht. Der Blick aus den großen Fenstern der Brücke gehört weiterhin zu den wichtigsten Aufgaben. Andere Schiffe, Fahrwasser, Wassertiefe und Verkehr müssen ständig beobachtet werden. Wie unmittelbar das zur Arbeit gehört, erleben wir während unserer Reportage selbst. Von rechts nähert sich die „Nordfriesland“ der Wyker Dampfschiffs-Reederei. Jan Christiansen erklärt uns direkt an der Situation die Ausweichregeln. Vereinfacht könne man sich vieles ähnlich wie im Straßenverkehr mit „rechts vor links“ merken. In unserem Fall lässt die „Nordfriesland“ den schnelleren Katamaran passieren. Für Fahrgäste ist es eine Begegnung zweier Schiffe. Auf der Brücke ist es eine Situation, die beobachtet, eingeschätzt und sicher gelöst werden muss.

Der Arbeitstag beginnt lange vor dem ersten Ablegen

Gegen 7.30 Uhr beginnt für die Besatzung der Arbeitstag. Zunächst wird besprochen, was an diesem Tag ansteht und wie viele Passagiere erwartet werden. Während sich der Service unter anderem auf Verpflegung und Fahrgäste vorbereitet, wartet auf Jan Christiansen eine zusätzliche Aufgabe. Denn an Bord gibt es keinen eigenen Maschinisten. Diese Funktion übernimmt der Kapitän mit. Vor der ersten Fahrt kontrolliert er deshalb unter anderem Kühlwasser, Ölstände und Kraftstoffvorräte und prüft, wann wieder Diesel bestellt werden muss. Das dafür notwendige Maschinistenpatent besitzt er ebenfalls. Nach der Abstimmung mit der Reederei geht es schließlich los. Um 8.55 Uhr beginnt die erste Fahrt des Tages.

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Die Tide bestimmt mit, wo gefahren werden kann

Die vielleicht größte Herausforderung wartet direkt unter dem Schiff. Das Wattenmeer verändert sich ständig. Hoch- und Niedrigwasser wechseln sich ab, Priele verändern sich und einige Bereiche können bei entsprechender Tide sehr flach werden. Für die „Adler Rüm Hart“ ist das besonders relevant. Der leichte Aluminium-Katamaran besitzt freiliegende Antriebe unterhalb des Rumpfes. Eine Grundberührung, die bei einem anderen Schiff möglicherweise vor allem eine unfreiwillige Wartezeit bis zum nächsten höheren Wasserstand bedeuten könnte, kann hier erhebliche Schäden verursachen. Deshalb muss Jan Christiansen genau wissen, welche Strecke zu welcher Tide sicher befahrbar ist. Verschiedene nautische Instrumente liefern ihm dafür die notwendigen Informationen. Routine allein reicht in diesem Revier nicht.

Wenn der Kapitän entscheiden muss: Heute geht es nicht weiter

Das gilt besonders bei schlechtem Wetter. Manchmal beginnt ein Arbeitstag noch unter Bedingungen, bei denen eine Fahrt problemlos möglich erscheint. Doch Wind und Wasser können sich anders entwickeln als vorhergesagt. Dann kann irgendwann der Punkt erreicht sein, an dem Jan Christiansen gemeinsam mit der Reederei entscheiden muss, den weiteren Betrieb abzubrechen. Gerade in solchen Situationen müsse ein Kapitän Ruhe ausstrahlen, sagt er. Wird er selbst hektisch oder unsicher, überträgt sich das auf die Mannschaft. Genauso wichtig sei aber, die eigenen Grenzen und die des Schiffes zu kennen. Sicherheit gehe vor – sowohl für die Fahrgäste als auch für die Besatzung und das empfindliche Wattenmeer.

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Eine Cessna auf dem Japsand

Dass Seefahrt manchmal Aufgaben bereithält, mit denen morgens niemand gerechnet hat, hat Jan Christiansen bereits während seiner Selbstständigkeit erlebt. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein ungewöhnlicher Auftrag auf dem Japsand. Dort war eine auf Föhr gestartete Cessna nach einem Motorschaden notgelandet. Menschen kamen bei der Landung nicht zu Schaden, doch das Flugzeug musste möglichst schnell von dem ökologisch sensiblen Gebiet geborgen werden. Eine Bergungsfirma fragte bei ihm an. Innerhalb kurzer Zeit musste geklärt werden, wie Schiff und Besatzung dorthin gelangen und die Maschine abtransportieren konnten. Bereits am folgenden Morgen machte sich Jan Christiansen auf den Weg. Die Cessna wurde geborgen und sicher in den Wyker Hafen gebracht, von wo aus sie zur Instandsetzung weitertransportiert werden konnte. Eine Geschichte, die zeigt, wie außergewöhnlich ein vermeintlich alltäglicher Arbeitstag auf dem Wasser plötzlich werden kann.

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Sonnenaufgang, Kaffee – und die Heimat vor der Scheibe

Doch unsere Fahrt zeigt auch die ruhige Seite des Berufs. Jan Christiansen schaut noch immer gerne hinaus auf Föhr, Amrum, die Halligen und das Wattenmeer. Ein befreundeter Seemann habe ihm einmal mitgegeben, dass man bei aller Arbeit nicht vergessen dürfe, solche Augenblicke auch wahrzunehmen. Besonders die frühen und späten Fahrten sind ihm geblieben. Morgens bei gutem Wetter mit einer Tasse Kaffee auf der Brücke den Sonnenaufgang zu erleben, während der Katamaran Richtung Dagebüll fährt, gehört für ihn genauso dazu wie die letzte Rückfahrt am Abend. Wenn die Tagesgäste wieder sicher auf Inseln und Festland angekommen sind und über dem Wattenmeer die Sonne untergeht, wird aus einem Arbeitstag für einen kurzen Moment doch wieder ein Stück jener Seefahrtsromantik, von der am Anfang unseres Gesprächs die Rede war.

Nachwuchs für die Seefahrt wird dringend gesucht

Doch Jan Christiansen blickt nicht nur zurück. Die Zukunft der Seefahrt beschäftigt ihn ebenfalls. Jungen Menschen, die Kapitänin oder Kapitän werden möchten, empfiehlt er, möglichst viele Bereiche kennenzulernen: unterschiedliche Reedereien, verschiedene Schiffstypen und unterschiedliche Fahrtgebiete. Genau dieser breite Erfahrungsschatz habe auch ihm geholfen. Denn Nachwuchs zu finden, sei inzwischen schwierig. Umso mehr freut es ihn, dass sein eigener Sohn ebenfalls den Weg aufs Wasser eingeschlagen hat. Er begann seine Ausbildung beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt auf Amrum auf dem Tonnenleger „Amrumbank“ zum Schiffsmechaniker und hat bereits seinen ersten Schulblock absolviert. Für Jan Christiansen ist das auch persönlich etwas Besonderes. Schon sein eigener Vater war lange auf großer Fahrt unterwegs. Nun setzt sich die Seefahrertradition in der nächsten Generation fort.

Föhr und Amrum als Hauptstrecke

Während unserer Fahrt erklärt Jan Christiansen auch, wie vielseitig der Tagesbetrieb der „Adler Rüm Hart“ ist. Ausgangspunkt ist morgens Wyk. Von dort geht es zunächst nach Dagebüll. Auch Fahrgäste mit einem Ticket der Wyker Dampfschiffs-Reederei können nach seinen Angaben gegen einen Express-Zuschlag mitfahren. Eine zentrale Rolle spielt anschließend Amrum. Dort entstehen Verbindungen und Umsteigemöglichkeiten zu weiteren Zielen wie Hallig Hooge, Nordstrand, Sylt oder Helgoland. Vier- bis fünfmal am Tag pendelt die „Adler Rüm Hart“ nach Christiansens Angaben zwischen Föhr und Amrum. Hinzu kommen Sonderfahrten. Dazu gehören Fahrten mit Seetierfang und in den Lebensraum der Seehunde, Angebote für Kinder und Piratenfahrten. Auch Hallig Langeneß wird regelmäßig angesteuert. Dort bleiben Schiff und Besatzung vor Ort, während die Gäste etwa zweieinhalb Stunden Zeit auf der Hallig verbringen. Die Hauptachse bleibt jedoch Föhr–Amrum. Eine Besonderheit gibt es bei der letzten Verbindung ab Dagebüll: Die Abfahrt wurde auf 19.30 Uhr gelegt. Damit kann sie auch für Insulaner interessant sein, die die reguläre letzte Fähre verpasst haben und noch zurück nach Föhr möchten.

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„Ich würde es wieder genauso machen“

Kurz bevor wir wieder in den Wyker Hafen einlaufen, stellen wir Christiansen eine letzte Frage: Würde er seinen Weg noch einmal genauso gehen? Seine Antwort fällt nach kurzem Überlegen eindeutig aus. Ja.

Die Ausbildung auf Föhr, die Erfahrungen auf großer Fahrt, das Studium, die Selbstständigkeit, die Zeit als eigener Reeder und schließlich die Rückkehr in die heimischen Gewässer – all das habe ihm Erfahrungen ermöglicht, die er nicht missen möchte. Natürlich hätte ihn sein Kapitänspatent auch auf ganz andere Schiffe bringen können. Auf Kreuzfahrtschiffe, Containerfrachter oder wieder hinaus auf die Weltmeere. Doch während vor den Fenstern der Brücke langsam Wyk näherkommt, wird deutlich, warum er geblieben ist. Hier kennt Jan Christiansen das Revier. Hier kennt er die Menschen. Und hier ist seine Heimat. Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte dieser Fahrt: Einer, der weit genug hinausgefahren ist, um zu wissen, wo er am liebsten Kapitän sein möchte.

Fotos: Stefan Gaul

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Geschrieben von: admin

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