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todaySeptember 17, 2026 41 3 5
Zum ersten Mal selbst auf Föhr: Bestsellerautorin Micaela Jary stellte bei „Föhr erLesen“ ihren historischen Roman „Der Sommer der Inseltöchter“ vor – eine Geschichte, für die sie tief in die Vergangenheit von Föhr und Sylt eingetaucht ist.
Bestsellerautorin Micaela Jary war mit „Der Sommer der Inseltöchter“ bei Föhr erLesen zu Gast. Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt sie, warum das Föhr des Jahres 1843 ihrem Roman eine besondere historische Kulisse gibt – und was sie bei ihrer Recherche selbst überraschte.
Heute gehören Föhr und Sylt zu den bekanntesten deutschen Nordseeinseln, doch vor knapp 200 Jahren waren die Rollen erstaunlich anders verteilt. Während Wyk bereits Gäste zur Sommerfrische empfing, getanzt, gefeiert und Kaffee getrunken wurde, war das spätere Urlaubsziel Sylt noch eine vergleichsweise arme Insel und wurde von Zeitgenossen sogar als langweilig beschrieben. Genau diese fast vergessene Welt bildet den Hintergrund für „Der Sommer der Inseltöchter“, den historischen Roman von Bestsellerautorin Micaela Jary. Im Rahmen des diesjährigen Literaturfestivals „Föhr erLesen“ war sie damit im Kurgartensaal in Wyk zu Gast. Kurz vor ihrer Lesung hat unsere Redaktion die Autorin bei strahlendem Sonnenschein zum ausführlichen Gespräch getroffen – und dabei nicht nur eine Reise ins Jahr 1843 unternommen, sondern erfahren, dass Jary ausgerechnet für diesen Roman intensiv über Föhr recherchiert hatte, obwohl sie selbst zuvor noch nie auf der Insel gewesen war.
Das änderte sich mit ihrem Besuch bei „Föhr erLesen“. Gemeinsam mit ihrem Mann nutzte Jary die Tage, um erstmals jene Insel selbst zu entdecken, die in ihrem Roman eine besondere Rolle spielt. Ihr erstes Urteil fällt entsprechend begeistert aus: „Ich entdecke die Insel tatsächlich jetzt in diesen Tagen und finde sie wunderschön.“ Ihr Mann sei sogar noch „mehr hingerissen“ als sie selbst. Für eine Autorin sei es ohnehin etwas Besonderes, mit einer Geschichte genau an den Ort zurückzukehren, an dem Teile der historischen Handlung verwurzelt sind. Und plötzlich konnte Jary einige jener Orte mit eigenen Augen sehen, die sie zuvor anhand alter Quellen und Fotografien beschrieben hatte.
Eine ihrer wichtigsten Quellen für die Föhrer Passagen war dabei ein berühmter Besucher der Insel: Hans Christian Andersen. Der dänische Schriftsteller hielt sich 1844 gemeinsam mit König Christian VIII. auf Föhr auf und hinterließ detaillierte Aufzeichnungen über seinen Aufenthalt. Für Jary waren diese Beschreibungen besonders wertvoll, weil sich das historische Wyk heute nur noch eingeschränkt nachvollziehen lässt. Der große Brand von 1847 veränderte den Ort wenige Jahre später erheblich.
Ein Gebäude überstand jedoch die Zeit – und wurde für Jarys Roman besonders wichtig. Das Haus, in dem Hans Christian Andersen damals zu Gast war, diente ihr als Vorlage für die Pension in „Der Sommer der Inseltöchter“. Fotos ermöglichten ihr eine Beschreibung, lange bevor sie selbst davorstehen konnte. Bei ihrem ersten Föhr-Besuch wurde aus der Recherche plötzlich Realität. „Das Haus gibt es ja noch“, erzählt sie begeistert. Auch andere historische Spuren entdeckte sie beim Rundgang durch Wyk, darunter den Ort, an dem später Theodor Fontane seine Ferien verbrachte.
Die eigentliche Keimzelle des Romans lag allerdings auf der Nachbarinsel. Eine Freundin auf Sylt machte Jary auf Meret Lassen aufmerksam und gab ihr eine Biografie über die historische Familie. Was sie darin entdeckte, begeisterte die Autorin zunehmend. Meret Lassen hatte 17 Kinder – und alle erreichten nach Jarys Recherche das Erwachsenenalter. Für eine Romanautorin eröffnet eine solche Familiengeschichte einen enormen Fundus. „Da gibt’s natürlich 17 verschiedene Geschichten. Das ist toll. Die kann man nicht erfinden“, sagt Jary.
Auch die drei jungen Frauen Maiken, Swantje und Anna, die im Mittelpunkt ihres Romans stehen, haben historische Vorbilder. Ihre Geschichten seien in wesentlichen Grundzügen tatsächlich überliefert, auch wenn Jary sich als Romanautorin Freiheiten genommen und einzelne Elemente verändert hat. Dazu gehört die Verbindung nach Föhr. Die historische Ausgangsgeschichte spielte ursprünglich ausschließlich auf Sylt. Jary entschied sich bewusst dafür, Föhr einzubeziehen – gerade weil der Gegensatz zwischen den beiden Inseln für sie so überraschend war.
Denn wer die heutige Wahrnehmung von Föhr und Sylt einfach ins 19. Jahrhundert überträgt, landet schnell daneben. Wyk war bereits seit 1819 Seebad. Als Jarys Geschichte im Jahr 1843 spielt, hatte sich der Ort längst als Ziel für Sommergäste etabliert. Westerland folgte erst 1855. Diese zeitliche Verschiebung veränderte auch das gesellschaftliche Leben auf beiden Inseln.
Jary beschreibt das damalige Föhr als den eleganteren und lebendigeren Ort. „Hier ging die Post ab“, sagt sie lachend. Es habe Musik, Tanz und Feste gegeben, die Strände seien für den Badebetrieb erschlossen gewesen und Gäste seien zum Kaffeetrinken ausgegangen. Auf Sylt habe es vieles davon noch nicht gegeben. Gerade diese Umkehr habe sie während ihrer Recherche besonders überrascht: Das mondäne Inselleben fand damals auf Föhr statt, während Sylt wirtschaftlich deutlich schlechter dastand.
In diese Welt platzte hoher Besuch. König Christian VIII. von Dänemark bereiste die Inseln – ein Ereignis, das sich nach Ansicht Jarys durchaus mit heutigen Besuchen prominenter Persönlichkeiten vergleichen lässt. Ein König brachte nicht nur Aufmerksamkeit mit, sondern Gefolge, Besucher und letztlich Geld. „Das war natürlich fürchterlich aufregend“, erzählt sie. Solche Aufenthalte hätten Menschen angezogen und wirtschaftliche Impulse ausgelöst.
Eine überlieferte Geschichte hat Jary besonders gefallen: Auf Föhr soll eine junge Frau ausgelassen mit einem Mann getanzt haben, ohne zunächst zu wissen, dass sie gerade dem dänischen König gegenüberstand. Solche kleinen Begebenheiten sind genau jene historischen Fundstücke, mit denen Jary ihren Roman lebendig macht. Sie zeigen ein Föhr des 19. Jahrhunderts, das mit dem gelegentlich verklärten Bild einer stillen alten Insel wenig zu tun hat. Es wurde gefeiert, getanzt und das gesellschaftliche Leben genossen.
Historische Fakten allein ergeben allerdings noch keinen Roman. Jary weiß das aus Erfahrung. Seit mehr als 30 Jahren veröffentlicht sie Bücher und hat inzwischen gelernt, wie schmal die Grenze zwischen gründlicher Recherche und zu viel historischem Detail sein kann. Gerade am Anfang ihrer Karriere sei sie selbst in eine typische Falle geraten: Wer sich während der Recherche in historische Einzelheiten verliebt, möchte möglichst viel davon im Buch unterbringen. „Dann schreibst du eigentlich ein Geschichtsbuch“, sagt sie. Das Ergebnis werde schnell überladen.
Heute entscheidet sie bewusster, welche Fakten ihre Geschichte tatsächlich benötigt. Historische Genauigkeit soll die Welt glaubwürdig machen, die Figuren und ihre Beziehungen müssen aber weiterhin im Mittelpunkt stehen. Dabei werden ihr diese Menschen während des Schreibens offenbar erstaunlich real. Nach Monaten mit den Figuren fühlten sie sich für sie wie „gute Freunde“ an. Ist ein Manuskript abgeschlossen, vermisse sie diese sogar. Wie intensiv eine historische Welt eine Autorin beschäftigen kann, erlebte Jary schon bei ihrem ersten historischen Roman über Meißner Porzellan: Damals habe sie nächtelang von August dem Starken geträumt.
Von den drei „Inseltöchtern“ ist ihr Maiken als Hauptfigur besonders ans Herz gewachsen. Mit der als Schäferin umherziehenden Swantje habe sie persönlich dagegen wohl am wenigsten gemeinsam. Bei Anna wiederum steckt eine sehr persönliche kleine Verbindung in der Geschichte. Der Dorflehrer, der sich in sie verliebt, trägt im Roman den Namen Steen – inspiriert von einem dänischen Freund Jarys in Hamburg. Die zugrunde liegende Liebesgeschichte selbst sei tatsächlich historisch überliefert. Ihr Freund habe die Entstehung der Figur anschließend mit Humor begleitet und ihr immer wieder KI-generierte Bilder von sich als Lehrer geschickt.
Bevor Micaela Jary als Schriftstellerin bekannt wurde, arbeitete sie viele Jahre als Journalistin. Rückblickend sei es allerdings weniger so gewesen, dass aus einer Journalistin irgendwann eine Romanautorin wurde. Ihr Berufswunsch stand schon wesentlich früher fest: Sie wollte immer Romane schreiben – und insbesondere historische Romane.
Nur gab es dafür damals in Westdeutschland keinen klassischen Ausbildungsweg. „Das Kind muss ja irgendwas werden“, erzählt sie mit einem Lachen. Also absolvierte sie ein Volontariat und arbeitete in Zeitungsredaktionen. Dass sie dort Karriere machen wollte, habe für sie nie zur Debatte gestanden. Ihr eigentliches Ziel seien immer die Bücher gewesen. Nutzlos war die journalistische Zeit trotzdem keineswegs. Vor allem eines habe sie dort gelernt, das sie bis heute benötigt: gründliche Recherche. Für historische Romane sei diese Erfahrung enorm wertvoll.
Dass Leser ihre Bücher unter verschiedenen Autorennamen finden, hat dagegen weniger mit unterschiedlichen Persönlichkeiten als mit dem Buchmarkt zu tun. Neben Micaela Jary veröffentlichte sie unter anderem als Gabriela Galvani, Micaela A. Gabriel und Michelle Marly. Unterschiedliche Namen erleichtern im Buchhandel die Trennung verschiedener Genres. Hinter manchen Pseudonymen stecken zudem persönliche Geschichten: Ihr bürgerlicher Nachname Gabriel stammt von ihrem Mann. Aus einem Scherz darüber, man müsse ihn „mit Gold aufwiegen“, entstand über das „Vergolden“ beziehungsweise Galvanisieren schließlich Gabriela Galvani. Der Name Marly wiederum geht auf den Ort bei Paris zurück, an dem Alexandre Dumas und sein Sohn lebten.
Bei ihrer Lesung auf Föhr ging es Micaela Jary schließlich um mehr als drei Liebesgeschichten aus dem 19. Jahrhundert. Sie würde sich freuen, wenn die Föhrer durch den Roman auch einen neuen Blick auf ihre eigene Inselgeschichte bekämen. Vieles, was für frühere Generationen selbstverständlich gewesen sein dürfte, gerät mit der Zeit in Vergessenheit. Ein historischer Roman könne solche Geschichten wieder sichtbar machen – ohne deshalb ein Sachbuch sein zu müssen.
Gerade das frühe Seebad Wyk, die Besuche des dänischen Königshauses, Musik und Tanz und die überraschend lebendige Sommerfrische zeigen ein Föhr, das selbst für heutige Inselkenner noch Überraschungen bereithält. Wenn daraus ein wenig „Heimatstolz“ oder Heimatbewusstsein entstehe, würde Jary sich freuen. Ihr wichtigstes Ziel bleibt trotzdem ein anderes: gute Unterhaltung. Der Roman enthält auch ernste Momente, soll seine Leserinnen und Leser am Ende aber mit einem guten Gefühl zurücklassen. Vielleicht passte deshalb ausgerechnet ihr erster eigener Föhr-Besuch besonders gut zu diesem Buch. Micaela Jary kam auf eine Insel, die sie zuvor aus Tagebüchern, historischen Fotografien und anderen Quellen rekonstruiert hatte – und konnte plötzlich selbst durch die Straßen gehen, über die sie geschrieben hatte.
Fast 200 Jahre nach jenem Inselsommer von 1843 saß die Autorin schließlich bei strahlendem Sonnenschein auf Föhr und erzählte genau dort von einer Zeit, in der auf der Insel bereits „die Post abging“ – während Sylt seinen großen Aufstieg erst noch vor sich hatte.
Foto: Stefan Gaul
Geschrieben von: admin
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