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Erpressung, Eklat und Absturz – Schills turbulente Karriere

todaySeptember 22, 2026

Hintergrund
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Hamburg (dpa) – Rechtsaußen Björn Höcke hat sein Treiben genau verfolgt. Der Thüringer AfD-Chef weiß zwar den Vornamen nicht mehr, nennt ihn im Podcast «ungeskriptet» wiederholt Roland, spricht aber doch auch mit Bewunderung über dessen politische Taten. «Das haben wir natürlich in unseren Gesprächskreisen intensiv verfolgt und intensiv analysiert – sowohl den Aufstieg als auch den Fall. Das war für uns auch immer ein Lehr- und ein Lerngegenstand», sagt der dem völkisch-nationalistischen AfD-Flügel zuzurechnende Chef der größten Fraktion im Thüringer Landtag. 

Schill erster Rechtspopulist in einer Landesregierung 

Von wem er spricht? Von Ronald Barnabas Schill, der vor 25 Jahren als erster Rechtspopulist der Nachkriegsgeschichte überhaupt den Sprung in eine Landesregierung schaffte – und das ausgerechnet auch noch in der Hansestadt Hamburg, die sich eigentlich für besonders liberal, tolerant und weltoffen hält. Am 23. September 2001 kam die von Schill gegründete Partei Rechtsstaatlicher Offensive (PRO) bei der Bürgerschaftswahl aus dem Stand auf 19,4 Prozent. 

Kein Vergleich zum Erdrutschsieg der AfD zuletzt in Sachsen-Anhalt mit annähernd 44 Prozent und einem AfD-Wahlergebnis von mehr als 38 Prozent bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am vergangenen Sonntag. Solche Ergebnisse rechter Parteien waren Anfang des Jahrtausends undenkbar. Entsprechend galten die annähernd 20 Prozent der Schill-Partei damals auch bundesweit als eine Sensation. 

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Hamburg galt als kriminellste Stadt der Republik 

Aber wie hat Schill das geschafft? Dazu ist ein Blick auf das damalige Klima in der Stadt an der Elbe nötig. Hamburg galt seinerzeit als kriminellste Stadt der Republik, hauptsächlich ging es um Drogen, Gewalt und Einbrüche. Gegen die SPD, die zu diesem Zeitpunkt bereits 44 Jahre ununterbrochen regierte, bestanden Filzvorwürfe. Kurz: Die Menschen waren zunehmend frustriert und verärgert. Und dann kamen am 11. September auch noch die Terroranschläge in den USA hinzu, deren Täter teils in Hamburg gelebt hatten. 

Die damalige rot-grüne Regierung versuchte zwar noch gegenzusteuern, holte den damaligen Hamburger SPD-Chef und Bundestagsabgeordneten Olaf Scholz von Berlin nach Hamburg, der dann als Innensenator etwa mit Brechmitteleinsätzen gegen mutmaßliche Drogendealer den harten Hund gab. Doch es nützte nichts. Etliche Menschen hielten das für nicht glaubwürdig – zumal es aus deren Sicht auch jemanden gab, der das Law-and-Order-Geschäft viel besser verstand: Schill. 

Schill fällt besonders harte Urteile – und muss selbst vor Gericht 

Denn der hatte in seiner Vergangenheit als Richter oft eine besondere Härte gegenüber Angeklagten an den Tag gelegt, verurteilte etwa eine psychisch labile Frau zu zweieinhalb Jahren Haft ohne Bewährung, weil sie zehn Autos zerkratzt hatte. Selbst ein GEW-Landesvorsitzender bekam Schills Rechtsauffassung zu spüren, als er ihn wegen Verletzung des Bannkreises um das Rathaus verurteilte, obwohl selbst die Staatsanwaltschaft einen Freispruch gefordert hatte, wie das «Hamburger Abendblatt» berichtete. 

Dass Amtsrichter Schill sich selbst wegen Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung vor Gericht verantworten musste, dass etliche seiner Urteile später wieder aufgehoben wurden und dass er schließlich in eine Zivilkammer versetzt wurde, interessierte damals kaum jemanden. Schill war nur noch der teils bewunderte, teils gefürchtete «Richter Gnadenlos». 

Mit Rechtsextremismus wollte Schill nichts zu tun haben 

Und das wusste er im Wahlkampf zu nutzen. Er gab nicht nur den Hardliner, attackierte auch den politischen Gegner auf eine Art und Weise, die bis dahin weitgehend unbekannt war. Populistisch schürte er Ängste und Vorurteile – ohne dabei jedoch in den Rechtsextremismus abzugleiten.

Im Gegenteil: In der Wochenzeitung «Die Zeit» distanzierte er sich von einer Verharmlosung der «verbrecherischen nationalsozialistischen Vergangenheit», in der sein Großvater als Kommunist im Widerstand im KZ Neuengamme hingerichtet wurde. 

Ansonsten ließ er aber kaum etwas aus, wenn es darum ging, Stimmung zu machen. Hinzu kam: Schill gerierte sich auch als Lebemann, ging auf Partys und Events, auch auf halbseidene, zeigte sich in der Hamburger Gesellschaft und fand Platz in den Klatschspalten. Die einen waren deshalb von ihm fasziniert, andere konnten nicht wegsehen wie bei einem Verkehrsunfall. 

Von Beust ergreift die Chance eines Regierungswechsels 

Er sei kein Rechtsradikaler und auch kein Nazi, befand der damalige CDU-Spitzenkandidat Ole von Beust und nutzte die Chance, mit ihm und der FDP nach der Wahl die SPD als eigentlich größte Fraktion sowie die Grünen in die Opposition zu schicken. Schill wurde dadurch am 31. Oktober 2001 Innensenator und Zweiter Bürgermeister von Hamburg. 

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Von da an ging es jedoch bergab. Schon zu Beginn stellte sich heraus, dass der zur Schill-Partei zählende Bausenator Mario Mettbach seine Lebensgefährtin als persönliche Referentin eingestellt hatte. Dann zeigte die 2002 veröffentlichte Statistik, dass die Kriminalität entgegen allen Versprechungen des «Richter Gnadenlos» weiter gestiegen war. «Die Schill-Partei entzauberte sich selbst. Überraschend daran war nur die Geschwindigkeit», schrieb die «Süddeutsche Zeitung» in ihrer 100-Tage-Bilanz des Senats. 

Eklat im Bundestag – Mikro wird abgedreht 

Doch es ging noch weiter. Ende August 2002 sorgte Schill als Bundesratsmitglied gleich bei seinem ersten Auftritt vor dem Bundestag für einen Eklat, nutzte eine Debatte zur Fluthilfe in einer als wirr kritisierten Rede für Attacken gegen die Einwanderungspolitik der Bundesregierung. Anschließend weigerte er sich trotz mehrerer Aufforderungen der Bundestagsvizepräsidentin Anke Fuchs (SPD) so hartnäckig, das Rednerpult zu verlassen, dass ihm schließlich das Mikrofon abgedreht wurde. 

Zu Hause in Hamburg setzte Schill weiter auf Auffallen um jeden Preis, verpasste etwa der Motorradstaffel der Polizei testweise nach amerikanischem Vorbild schwere Maschinen von Harley-Davidson. Diese ließ er blau lackieren wie später auch die Streifenwagen in blau-silbernem Gewand daherkamen – und in Hamburg als erstem Bundesland mit dem bisherigen Grün-Weiß brachen. Während die Streifenwagen inzwischen in ganz Deutschland blau-silbern sind, verschwanden die schweren Harleys bald wieder. Zu unpraktisch im Stadtverkehr, befand die Polizei. 

In der CDU-PRO-FDP-Koalition knirschte es gehörig. Schill hatte wieder einmal Ärger mit seinem Personal, wollte seinen wegen ungenehmigter Nebentätigkeiten unter Druck stehenden PRO-Innenstaatsrat Walter Wellinghausen vor einem Rauswurf bewahren. Bei der Wahl der Mittel produzierte er jedoch einen der größten Skandale Hamburgs. 

Schill versucht von Beust zu erpressen 

So drohte Schill am 19. August 2003 Bürgermeister von Beust in einem Vieraugengespräch, dessen Homosexualität öffentlich zu machen, sollte er Wellinghausen feuern. Außerdem kündigte er an, dann zur «Prime-Time» auch dessen angebliches Verhältnis mit dem 2026 gestorbenen CDU-Justizsenator Roger Kusch auffliegen zu lassen. 

Von Beust hielt es daraufhin kurz, warf Schill hochkant aus seinem Büro. Anschließend machte er in einer eilends einberufenen Pressekonferenz Schills Erpressungsversuch öffentlich und bekannte sich zu seiner Homosexualität. Dann verkündete er den völlig überraschten Medien, dass er nicht nur Wellinghausen in den einstweiligen Ruhestand versetzt, sondern auch Schill wegen «charakterlicher Ungeeignetheit» gefeuert habe. 

Kanzlerin Merkel stärkt von Beust den Rücken 

Als von Beust den Raum 151 im Hamburger Rathaus wieder verlassen hatte, meldete sich dort plötzlich Schill zu Wort, machte in aller Öffentlichkeit wahr, was er zuvor von Beust angedroht hatte. Ein beispielloser Vorgang, den die ARD damals zu einem Brennpunkt nach der Tagesschau veranlasste. Sogar Kanzlerin Angela Merkel (CDU) meldete sich zu Wort, stärkte von Beust den Rücken. 

Rund zwei Wochen später wurde Schills Büroleiter Dirk Nockemann Innensenator. Doch auch der heutige Hamburger AfD-Partei- und Fraktionschef konnte nicht verhindern, dass von Beust die Koalition am 9. Dezember 2003 mit den Worten «jetzt ist finito» beendete. Während Schill in seiner eigenen Partei in Ungnade fiel und bei der nächsten Bürgerschaftswahl 2004 vergeblich mit der Pro-DM-Partei um einen Sitz im Parlament kämpfte, schaffte von Beust mit seiner CDU völlig überraschend die absolute Mehrheit. 

Dritte Karriere als Teilnehmer von Trash-TV-Formaten 

«Richter Gnadenlos» verschwand daraufhin mehr oder weniger von der Bildfläche und tauchte später in Brasilien wieder auf, wo er bis heute in Pavão-Pavãozinho, einer Favela im Stadtgebiet von Rio de Janeiro, lebt. Von dort startete der heute 67-Jährige dann nach seinen Abstechern in Justiz und Politik seine dritte Karriere – als Teilnehmer von Trash-TV-Formaten. Sei es «Promi Big Brother», «Adam sucht Eva» oder «Promis unter Palmen» – Schill ist dabei, provoziert zur Freude des Publikums wie früher, lutscht etwa in «Kampf der Realitystars» vor laufender Kamera die Zehen von Schauspielerin Nina Kristin. 

Und heute? Ist Schill die Blaupause für die AfD? Ja und Nein, findet zumindest von Beust. Die AfD nehme genau wie die Schill-Partei damals in Hamburg in sehr zugespitzter Weise Unmut und Stimmungen auf, bei denen andere Parteien das klare Wort scheuten, sagte er schon vor zehn Jahren der «Welt». «Der Unterschied ist: Die Schill-Partei war zwar populistisch, sie verbreitete aber nicht irgendwelche Nazi-Ansichten wie so mancher in der AfD.» 

Und Schill selbst? Der Moderator Louis Klamroth ist für seinen fünfteiligen Podcast «Hateland – Die Schill-Show» jüngst extra nach Rio gereist, um mit ihm ins Gespräch zu kommen – allerdings vergeblich. Der frühere Provokateur habe nur zu Protokoll gegeben, dass er seit 20 Jahren zurückgezogen in Brasilien lebe und mit Deutschland nichts mehr zu tun haben wolle.

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