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Ein Ort der Erinnerung und Verantwortung: Wyks Bürgermeister Uli Hess, Geschäftsführer Christof Buck und dessen Vorgänger Nils Peters (von links) bei der Einweihung der neuen Gedenkstätte für das Haus Schöneberg am Eulenkamp. Foto: Stefan Gaul
Eine Skulptur weist dorthin, wo einst das alte Haus Schöneberg stand. Bei der Einweihung eines neuen Erinnerungsortes in Wyk am Sonntag, 18. Oktober, wurden schmerzhafte Erinnerungen wach. Rund 50 Menschen erlebten eine bewegende Zeremonie, bei der es um erlittenes Unrecht, Verantwortung und die Würde des Menschen ging.
Die Ruderer bewegen sich gemeinsam vorwärts. Doch ihre Richtung führt zurück: nach Nordnordost, zu jenem Grundstück, auf dem einst das Haus Schöneberg stand und heute das Upstalsboom-Hotel steht. Am Sonntag, 18. Oktober, wurde am Ende des Eulenkamps, nahe der Sydbar, eine Gedenkplatte mit der Skulptur „De roeiers“ eingeweiht. Ein Ort, der nicht nur erinnern, sondern auch mahnen soll.
Rund 50 Menschen waren zur Einweihung gekommen, darunter nach Angaben von Geschäftsführer Christof Buck etwa 30 bis 35 betreute Menschen, Mitarbeitende und weitere Wegbegleiter. „Viele von ihnen wurden nicht gehört. Ihre Würde wurde verletzt. Ihre Wünsche und ihre Stimmen blieben oft unbeachtet“, steht auf der Gedenkplatte. Sie erinnert an Menschen, die im früheren Haus Schöneberg lebten und dort Leid erfuhren. Für einige der Anwesenden waren diese Worte weit mehr als ein Rückblick – sie erinnerten an selbst Erlebtes.
Wie schmerzhaft diese Erinnerungen sind, machte Nils Peters deutlich. Der frühere Geschäftsführer, der das Haus von 1998 bis 2023 leitete, stellte zu Beginn seiner Ansprache eine unbequeme Frage: Darf man bei einem offiziellen Anlass über Wut sprechen? Er tat es – und erzählte von dem, was er seit seinem ersten Besuch 1985 gesehen hatte: Fixierungen, verschlossene Stationen, überfüllte Schlafsäle und Menschen, deren Wünsche kaum eine Rolle spielten.
Besonders erschütternd war seine Erinnerung an eine Tür: von innen verbeult, der Lack durch kratzende Fingernägel beschädigt. Peters ließ sich später selbst kurz in einen solchen Raum einschließen. Nur wenige Minuten hielt er aus. Er schilderte auch, wie schwer es gewesen sei, Verantwortliche für Veränderungen zu gewinnen. Die damaligen Mitarbeitenden nahm er dabei ausdrücklich vor pauschalen Schuldzuweisungen in Schutz. Auch sie hätten unter den Bedingungen gelitten.
Seine Wut, sagte Peters, sei zum Antrieb geworden, für bessere Lebensbedingungen zu kämpfen und Verbündete zu finden. Am Ende wandte er sich direkt an die Betroffenen: „Ihr dürft auch wütend sein.“
Christof Buck, heutiger Geschäftsführer, sprach die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner unmittelbar an. Vielen von ihnen sei Unrecht widerfahren. Sich dieser Geschichte zu stellen, sei auch Verantwortung der heutigen Einrichtung – selbst wenn die damaligen Verhältnisse unter anderer Trägerschaft bestanden. „Erinnerung heißt Verantwortung übernehmen“, lautet deshalb die Botschaft der Gedenkplatte. Ihr letzter Satz ist ein Versprechen: „Wir vergessen Euch nicht.“
Dass dieser Erinnerungsort entstanden ist, war keineswegs selbstverständlich. Bereits Peters hatte Wyks Bürgermeister Uli Hess vor Jahren auf die Idee angesprochen. Die Suche nach einem geeigneten Platz zog sich hin. Buck dankte Hess bei der Einweihung ausdrücklich für seinen persönlichen Einsatz. Schließlich fand sich der Standort in unmittelbarer Nähe des früheren Hauses.
Auch Hess zeigte sich bewegt. Er sprach von einem besonderen Tag für die Stadt und erinnerte daran, welchen Stellenwert die Schöneberger heute für Föhr haben. Das Mahnmal sei zugleich eine Verpflichtung, aus der Geschichte zu lernen. Mit Blick auf den Umgang mit Demokratie und Menschenwürde mahnte er, solches Unrecht dürfe sich nicht wiederholen.
Die Skulptur der niederländischen Künstlerin Hennie de Boer (1954–2026) entstand bereits 1998. Die Künstlerin, die im Juli starb, konnte die Einweihung nicht mehr erleben. Ihr Werk zeigt Ruderer, die nur gemeinsam vorankommen – und doch jeder seinen Teil beitragen müssen. Es verkörpert den Leitspruch „Gemeinsam – und trotzdem ich“, der laut Peters bei der Leitbildarbeit im Jahr 2000 entstand.
Die Geschichte des Hauses reicht weit zurück. 1967 kamen mehr als 100 Kinder mit geistiger Behinderung aus Berlin nach Föhr. Heute leben und arbeiten die Schöneberger in einer Einrichtung, die Selbstbestimmung und Teilhabe in den Mittelpunkt stellt. Doch die Erinnerung an das, was früher geschah, bleibt. Manche der Menschen, deren Stimmen damals nicht gehört wurden, standen an diesem Sonntag selbst vor der Gedenkplatte. Dort, wo ihre Geschichte nun einen festen Platz gefunden hat. Und während die Ruderer gemeinsam in Richtung Vergangenheit weisen, bleibt auf der Gedenkplatte ein Versprechen zurück, das weit über diesen Tag hinausreicht: „Wir vergessen Euch nicht.“
Geschrieben von: admin
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