Inselradio Föhr Friesische Karibik für die Ohren
Warum verstehen wir uns manchmal so falsch? Kommunikationsexpertin und Autorin Saskia Dürr bei ihrem Vortrag am 12. Oktober in der Stadtbücherei Wyk auf Föhr. Dabei ging es um zwischenmenschliche Kommunikation, Missverständnisse und gegenseitiges Verständnis. Foto: Anna-Marleen Apel
Warum reden Männer und Frauen so häufig aneinander vorbei? Saskia Dürr beschäftigt sich mit dieser Frage, seit sie zehn Jahre alt ist. Vor ihrer Lesung in Wyk sprach die Kommunikationsexpertin mit Inselradio Föhr über ihre Kindheit, die kleinen Fallen des Zusammenlebens und darüber, was kein Computer ersetzen kann.
Die Sonne scheint vor der Stadtbücherei Wyk. Saskia Dürr hat noch etwas Zeit bis zu ihrer Lesung, und aus dem Interview wird ein Gespräch über eine vertraute Frage: Warum kommt das Gesagte beim anderen manchmal völlig anders an?
Für die Autorin ist Föhr ein vertrauter Ort. Seit sie vier ist, verbringt sie hier fast jeden Sommer – seit beinahe 50 Jahren. Am 12. August stellte sie dort ihr Buch „Die Männerversteherin und der Frauenflüsterer“ vor. Wegen des Erfolgs folgte am 3. September eine zweite Lesung.
Die Wurzeln ihrer heutigen Arbeit liegen in der eigenen Familie. „Meine Eltern haben sich oft gestritten, aber waren der gleichen Meinung“, erzählt Dürr. Schon als Kind irritierte sie das. Warum streitet man, wenn man eigentlich dasselbe will? Mit zehn Jahren ging sie deshalb in die Erwachsenenbibliothek, besorgte sich Literatur und begann, Antworten zu suchen. Die Neugier ließ sie nicht mehr los.
Dürr arbeitete später als Journalistin, für den Bayerischen Rundfunk und die Süddeutsche Zeitung. Doch sie wollte Menschen nicht nur informieren, sondern etwas verändern. Seit 27 Jahren gibt sie Kommunikationstrainings, coacht Führungskräfte und hält Vorträge. Ihr Ziel formuliert sie schlicht: „Ich möchte einfach Frieden im Kleinen schaffen.“
Warum entstehen gerade zwischen Männern und Frauen so viele Missverständnisse? Dürr führt das unter anderem auf unterschiedliche Erfahrungen beim Spielen in der Kindheit zurück. Mädchen würden ihrer Beobachtung nach häufiger zu zweit spielen und dabei stärker aufeinander eingehen, Jungen öfter in Gruppen, in denen direkte Ansagen wichtiger seien. In Partnerschaften treffe dann, wie sie es nennt, „das große Ich auf das große Du“.
Das sind ihre Erklärungsansätze aus der Coachingpraxis, keine allgemeingültigen Regeln für Männer und Frauen. Ihr geht es darum, ungewohnte Reaktionen nicht sofort als böse Absicht zu verstehen.
Beim Praxistest auf der Bank wird es anschaulich: Eine Frau berichtet ihrem Partner von einem Problem. Er hört kurz zu und präsentiert eine Lösung. Trotzdem ist die Stimmung dahin. „Die Frau will ja gar keine Lösung, die will ein Ohr“, erklärt Dürr ihren Klassiker. Er glaube, geholfen zu haben; sie habe sich Zuhören gewünscht.
Auch „Ich liebe dich“ sei nicht die einzige Sprache der Zuneigung. Manche Menschen zeigten Wertschätzung eher durch Taten, andere brauchten sie ausdrücklich in Worten. Dürr empfiehlt keine auswendig gelernten Floskeln: Wer die Ursachen verstehe, könne authentisch reagieren.
Wie viel ihr diese Haltung bedeutet, zeigt eine persönliche Geschichte. Vom Vater ihres Kindes lebt Dürr getrennt. Doch einen Rosenkrieg habe es nie gegeben. Beide seien bis heute ein freundschaftliches Elternteam. Während ihres Aufenthalts auf Föhr waren sie sogar gleichzeitig auf der Insel: er mit seiner neuen Familie, sie mit ihrem Kind, in getrennten Ferienwohnungen.
Eine Partnerschaft könne enden, ohne dass der Respekt verloren gehe. „Das ist schon ein Geschenk fürs Kind und auch für uns“, sagt sie. Zugleich räumt sie ein, dass auch sie manchmal jemanden falsch versteht. Erschöpft gelinge ihr nicht immer, was sie anderen vermittelt. Wichtig sei dann, sich Fehler verzeihen zu können: „Ich möchte auch Mensch bleiben.“
Besonders nachdenklich wird die Autorin beim Blick auf unsere digitale Kommunikation. Im Café würden Menschen Nachrichten austauschen, statt zu reden. Sprachnachrichten seien kein richtiger Dialog: Niemand könne unmittelbar nachfragen, ein Missverständnis stoppen oder im Gesicht des Gegenübers erkennen, dass etwas verletzt hat.
Selbst künstliche Intelligenz könne zwar freundlich antworten und Zuspruch geben, aber keine echte Nähe herstellen. „Das kann dich nicht umarmen. Das kann sich nicht mit dir versöhnen“, sagt Dürr. Umso wichtiger sei es, nach einem Streit wieder aufeinander zuzugehen.
Ob Männer und Frauen einander jemals vollständig verstehen werden? Das hält sie nicht einmal für entscheidend. Unterschiedlichkeit gehöre dazu. Wichtiger sei: „Wie kläre ich die Missverständnisse? Wie komme ich ganz schnell wieder in eine Nähe, in eine Beziehung?“
So wird aus einer Frage über Männer und Frauen eine über uns alle. Vielleicht beginnt besseres Verstehen tatsächlich nicht mit der perfekten Antwort – sondern damit, dem anderen erst einmal zuzuhören.

Reporter & Redaktion | Inselradio Föhr
Stefan Gaul ist mit Mikrofon, Kamera und Notizblock auf Föhr unterwegs. Als Gründer und Betreiber vom Inselradio Föhr berichtet er als Radiomoderator und Reporter über das Leben auf der Insel. Besonders am Herzen liegen ihm die Menschen und ihre Geschichten – von den kleinen Momenten des Alltags bis zu den großen Themen, die Föhr bewegen. Ein besonderes Interesse gilt auch der Blaulichtberichterstattung und der Arbeit von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten. Seit 2026 schreibt er als freier Mitarbeiter für den Insel-Boten. Er ist überzeugt, dass sich durch die journalistische Zusammenarbeit noch aktueller und vielfältiger über das Geschehen auf den Inseln berichten lässt.
Geschrieben von: admin
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