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Der große Run auf die Sonntagsbrötchen blieb im November 1996 aus. So erinnert sich Bäckermeister Bernd Mengel an den Start der Sonntagsbrötchen von 30 Jahren. Foto: Jörg Brökel
Seit 1996 dürfen Bäcker sonntags Brötchen verkaufen. Auf Föhr blieb der Ansturm jedoch zunächst aus.
Es ist zwar nicht mit dem Fall der Berliner Mauer oder der ersten Mondlandung zu vergleichen. Aber für viele Verbraucher in Deutschland war der erste Sonntag im November 1996 ein besonderes Datum. Denn an diesem 3. November vor 30 Jahren durften Bäckereien in Deutschland zum ersten Mal am Sonntag frische Brötchen verkaufen. Hintergrund war das neue Ladenschlussgesetz der schwarz-gelben Bundesregierung unter Helmut Kohl. Übrigens die fünfte Amtszeit des CDU-Dauerkanzlers.
Um diese Verbraucherwohltat zu erreichen, musste zugleich das Bäckereiarbeitsgesetz von 1936 geändert werden. Damit die Brötchen in der Auslage der Bäckereien auch wirklich frisch waren. Bernd Mengel von der gleichnamigen Bäckerei mit Stammsitz in Oevenum auf Föhr hatte zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahre seinen Meister in der Tasche. Er arbeitete mit seinem Vater Boy Jürgen Mengel zusammen in der Bäckerei. Der Start der Sonntagsbrötchen lief auf Föhr allerdings friesisch verhalten ab: „Zum Winter hin hatten wir jedenfalls keine langen Schlangen vor der Tür“, erinnert sich der 58-Jährige.
Dann im Sommer und vor Ostern mit der Ankunft der Gäste habe der Run auf die Sonntagsbrötchen auch auf der Insel eingesetzt, sagt der Bäcker, der das Familienunternehmen in 5. Generation führt. „Die Schlangen vor den Bäckereien waren wohl ein Phänomen in den großen Städten“, sagt der Inselbäcker. Allerdings – so erinnert sich Mengel – habe es auch vorher schon Bäcker auf der Insel gegeben, die das Sonntagsbrötchen-Verbot unterlaufen hätten. In einem Nachbardorf habe es einen Bäcker gegeben, der Brötchen am Samstag vorgebacken und sonntags dann in einem Schrumpftunnel warm gemacht habe.
Das erinnert dann schon ein bisschen an die – so nannte sie die Presse – „Brötchenrebellen“ vom Festland. Die gründeten eigene Frühstücksvereine, um dann die heiß begehrten Sonntagsbrötchen an Vereinsmitglieder herauszugeben. Was natürlich ein Trick war. Immer bedroht von Bußgeldern und humorfreien Ordnungsamtskontrolleuren, die versuchten, die staatlich verordnete Sonntagsruhe durchzusetzen. Andernorts, in Süddeutschland, verschenkten Bäcker sogar die sonntäglichen Rundstücke. Gegen Unterschrift auf einer Liste zur Liberalisierung des Ladenschluss- und Bäckereiarbeitsgesetzes.
Doch die Lockerung findet nicht nur Freunde. Bäckerei-Innungen, Gewerkschaften, SPD, Grüne und PDS sind keine Freunde der neuen Ladenschlussbestimmungen und somit auch keine Freunde des sonntäglichen Brötchenverkaufs. Der damalige FDP-Wirtschaftsminister Günter Rexrodt ist hingegen ein Anhänger der neuen Ladenschluss-Gesetzgebung. „Das Ausland lacht über uns“, erklärt der Freidemokrat angesichts der erbitterten politischen Kämpfe rund um das sonntägliche Gebäck.
Mit knapper Mehrheit wird also das neue Ladenschlussgesetz verabschiedet. Werktags dürfen die Läden nun bis 20 Uhr öffnen. Am Samstag statt bis 14 nun bis 16 Uhr. Dafür entfallen der 1989 eingeführte lange Donnerstag und die langen Samstage vor Weihnachten. Und die sonntägliche Liberalisierung geht noch weiter – als nämlich 2006 die Ladenöffnungszeiten im Rahmen der Föderalismusreform erstmals seit 1956 wieder Ländersache werden. Um 2013 kommt damit in Schleswig-Holstein die Bäderregelung auf, nach der in Urlaubsorten Geschäfte des täglichen Bedarfs von 11 bis 19 Uhr öffnen dürfen.
Bernd Mengel sieht den Fall der Sonntagsruhe indes durchaus kritisch. „Es war eben der damalige Zeitgeist“, so blickt er auf die Neuregelungen vor 30 Jahren. „Ob wir durch die Regelung tatsächlich mehr Umsatz generiert haben, weiß ich nicht“, sagt der Föhrer Bäcker. Früher sei eben der Samstag der Tag gewesen, wo man ordentlich Ware verkauft hätte. Und dies mit einem wesentlich kleineren Sortiment. „Mein Vater hat geschätzt noch drei Sorten Brötchen, vier Sorten Brot und zwei Kuchen gemacht. Und damit war jeder zufrieden“, schmunzelt der Oevenumer.
Allerdings habe es zu früheren Zeiten auch einmal sieben Bäcker auf der Insel gegeben, erinnert sich der Mann, der 2005 den Betrieb mit vier Filialen übernommen hat. Dass es übrigens auch ohne Sonntagsbäckerei gehen kann, hat Mengel im vergangenen Jahr gezwungenermaßen selber erleben müssen. Aufgrund von Personal- und Fachkräftemangel stand er mit seinem Altgesellen allein in der Backstube. Daher verzichtete sein Betrieb auf die Sonntagsbrötchen. Genauso wie jetzt im Winter außerhalb der Bäderregelungszeit.

Reporter des Insel-Boten Föhr/Amrum
Gebürtiger Bielefelder - ja, das gibt es doch:-). Lehramt Chemie und Biologie an der Universität Bielefeld studiert. Früh mit dem Radiomachen begonnen. Noch zu Studienzeiten Redaktionsvorstand beim Krankenhausfunk Bielefeld (heute Antenne Bethel) gewesen. Abschluss als Lic.rer.publ. im Journalistenweiterbildungsstudium an der Freien Universität Berlin. Langjähriger Reporter vor und hinter der Kamera beim Westdeutschen Rundfunk im Studio Bielefeld. Später als Live-Reporter beim WDR-Stadtfernsehen in Dortmund tätig. Parallel für das ZDF als Reporter vor der Kamera in Afrika und Europa tätig. Zudem eine Ausbildung als Heilpraktiker für Psychotherapie abgeschlossen. Seit 2023 Reporter des Insel-Boten auf Föhr und Amrum tätig.
Geschrieben von: admin
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