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todaySeptember 7, 2026 131 1 24 5
Von einem Hummerfischerdorf in Maine bis in den Wyker Kurgartensaal: Beatrix Gerstberger eröffnete Föhr erLesen 2026 mit „Die Hummerfrauen“ und dem neuen Roman „Hummerjahre“. Hier im Bühengespräch mit Jörg Brökel vom Insel-Boten.
Bestsellerautorin Beatrix Gerstberger hat Föhr erLesen 2026 im Wyker Kurgartensaal eröffnet. Im Interview erzählt sie, wie ein persönlicher Neuanfang in Maine Jahrzehnte später zur Grundlage für „Die Hummerfrauen“ wurde und warum ihre Romane auf einer Nordseeinsel besonders gut aufgehoben sind.
Ihre Romane spielen Tausende Kilometer von Föhr entfernt – und trotzdem fühlten sie sich am Freitagabend im Wyker Kurgartensaal erstaunlich heimisch an. An der Küste von Maine erzählt Beatrix Gerstberger von Hummerfischern, starken Frauen, rauem Atlantikwetter, Verlusten, Neuanfängen und Menschen, die ihren Platz im Leben immer wieder neu suchen müssen. Mit ihrem Roman „Die Hummerfrauen“ gelang der langjährigen Journalistin ein großer Erfolg, monatelang hielt sich das Buch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Nun ist mit „Hummerjahre“ die Fortsetzung erschienen – und zum offiziellen Auftakt der sechsten Ausgabe von Föhr erLesen brachte Gerstberger beide Geschichten mit auf die Nordseeinsel. Kurz vor ihrer Lesung hat unsere Redaktion ausführlich mit der Autorin gesprochen. Dabei ging es nicht nur um Bestsellerplätze und Bücher, sondern auch um eine persönliche Entscheidung vor mehr als zwei Jahrzehnten, ohne die es „Die Hummerfrauen“ möglicherweise niemals gegeben hätte.
Ganz unbekannt war Föhr für Gerstberger bei ihrer Ankunft nicht. Vor mehr als 20 Jahren verbrachte sie bereits einmal Silvester auf der Insel, damals war ihr heute 26-jähriger Sohn ungefähr drei Jahre alt. Auch Amrum kennt sie gut, und überhaupt begleiten die friesischen Inseln sie schon seit ihrer Kindheit. „Ich bin schon immer viel Fähre gefahren“, erzählte sie vor der Lesung. Dieses Mal reiste sie mit vierbeiniger Begleitung an, wenngleich ihr Hund Föhr vor dem Auftritt ebenfalls noch kaum erkunden konnte. Die Strandrunde sollte möglichst nach der Lesung folgen. Dass ihre Bücher an einem solchen Ort besonders gut funktionieren, überrascht die Autorin nicht: „Das Buch fühlt sich hier heimisch an“, sagte sie. Natürlich lese sie auch gerne in Bayern – direkt am Meer sei es aber noch einmal etwas anderes.
Beatrix Gerstberger hat viele Jahre als Journalistin gearbeitet und unter anderem für Brigitte, Stern und GEO geschrieben. Dass sie irgendwann selbst ganze Welten und Figuren erfinden würde, war für sie zunächst neu. Journalismus und Literatur betrachtet sie trotzdem nicht als zwei vollkommen getrennte Bereiche. Während der Arbeit an „Die Hummerfrauen“ war sie journalistisch weiterhin tätig, erst seit rund einem Jahr konzentriert sie sich ganz auf ihre Bücher. Nach „Hummerjahre“ soll bereits ein dritter Roman folgen. Sich deshalb endgültig von ihrer bisherigen Berufsidentität zu verabschieden, fällt ihr dennoch schwer. „Ganz zu sagen, ich bin keine Journalistin mehr, kann ich mir auch nicht vorstellen“, sagt sie. Die jahrelange Begegnung mit Menschen und das Erzählen ihrer Geschichten seien schließlich auch eine Grundlage für ihre Romane. Dabei ist die Beobachterin in ihr keineswegs verschwunden. Ein Gespräch auf einer Fähre kann genügen, damit plötzlich der Gedanke entsteht, daraus könnte eine Geschichte werden. Manchmal, sagt Gerstberger, seien die Dinge, die Menschen tatsächlich erleben, sogar verrückter als das, was man sich für einen Roman ausdenken würde. Besonders interessieren sie Lebenswege, die eben nicht geradlinig verlaufen. Auf die Frage, was ein Mensch oder eine Geschichte haben müsse, damit sie genauer hinschaut, antwortet sie ohne langes Überlegen: „Brüche. Brüche im Lebenslauf.“ Glatte Geschichten interessierten sie kaum. Spannend werde es dort, wo etwas passiert sei, worüber Menschen vielleicht zunächst gar nicht sprechen möchten. Dort lohne es sich, genauer hinzusehen – und dort lägen häufig die wirklich guten Geschichten.
Dass ausgerechnet ein Hummerfischerdorf im US-Bundesstaat Maine zur literarischen Heimat ihrer Romane werden würde, hat eine sehr persönliche Vorgeschichte. Gerstberger kannte die USA bereits von Reisen und journalistischen Reportagen. Doch der Aufenthalt, der viele Jahre später die Grundlage für ihre Bücher bilden sollte, hatte einen anderen Anlass. Ihr Partner war gestorben, als sie schwanger war. Als ihr Sohn etwa zwei Jahre alt war, verspürte sie den Wunsch, Hamburg für eine Zeit hinter sich zu lassen. Zu vieles dort sei mit dem Verlust verbunden gewesen. Sie entschied sich für die USA und für Maine an der Ostküste, die sie schon damals besonders mochte. Mit einem kleinen Kind erschien ihr ein Dorf als geeigneter Ort – und viele der Küstenorte dort sind bis heute eng mit der Hummerfischerei verbunden.
Auch eine ganz praktische Frage bestimmte schließlich, wo sie landete: Sie suchte ein Haus, das sie bezahlen konnte. Dafür musste sie auf der Karte immer weiter nach Norden gehen, bis sie schließlich im Norden Maines ein Zuhause in einem echten Hummerfischerdorf fand – ausgerechnet in jenem Ort, den sie heute als den für sie schönsten dort bezeichnet. Sie lernte die Menschen kennen, fuhr selbst mit Hummerfischern aufs Meer und bekam einen unmittelbaren Eindruck von einer Arbeit, die körperlich enorm anstrengend sein kann. Gleichzeitig faszinierte sie deren Rhythmus. Wenn die Fischer am frühen Morgen in völliger Dunkelheit zu ihren Booten fahren und anschließend gemeinsam hinaus aufs Meer aufbrechen, hat das für Gerstberger etwas beinahe „Cowboymäßiges“. Dann geht über dem Wasser die Sonne auf, während die Boote hinausfahren. Es sei diese Mischung aus Landschaft, Luft, harter körperlicher Arbeit und einer Form des Fischens, die trotz moderner Technik noch etwas Archaisches bewahrt habe, die sie bis heute fasziniert.
Auch die Menschen an der Küste blieben ihr im Gedächtnis. Gerade jene, die zunächst rau und verschlossen erscheinen und erst mit der Zeit eine große Herzlichkeit zeigen, mag sie besonders. Darin erkennt Gerstberger durchaus Parallelen zu norddeutschen Küstenmenschen – aber ebenso zu ihrer eigenen Heimat. Sie lebt heute in Hamburg, stammt ursprünglich aus dem Sauerland. Auch dort werde zunächst nicht unbedingt viel geredet. Wenn man jemanden aber erst einmal richtig kennengelernt habe, dann sei die Verbindung da. Es sind solche Beobachtungen, aus denen später Figuren entstehen können, die nicht makellos sein müssen, sondern Ecken, Vergangenheit und eben jene Brüche besitzen, die Gerstberger schon als Journalistin besonders interessierten.
Die Idee hinter „Die Hummerfrauen“ begann zunächst als journalistisches Projekt. Gerstberger wollte ein Sachbuch über Hummerfischerinnen schreiben und führte dafür Interviews mit Frauen, die in diesem traditionell männlich geprägten Beruf arbeiteten. Schon bei den ersten Gesprächen fiel ihr jedoch etwas auf: Die Lebensgeschichten dieser Frauen waren außergewöhnlich. Besonders faszinierte sie, dass die von ihr interviewten Hummerfischerinnen ursprünglich gar nicht aus der Region stammten. Sie waren von außen gekommen und hatten sich bewusst für dieses Leben entschieden. Warum gibt jemand sein bisheriges Leben auf und beschließt vielleicht mit 50 Jahren, Hummerfischerin zu werden? Genau diese Frage ließ Gerstberger nicht mehr los.
Irgendwann hatte sie das Gefühl, dass das Material in einem klassischen Sachbuch beinahe verschenkt wäre. Also entschied sie sich für etwas, das für die erfahrene Journalistin damals Neuland bedeutete: einen Roman. Aus den Recherchen und Erfahrungen entstand „Die Hummerfrauen“ – und aus dem Experiment wurde ein Erfolg, mit dessen Ausmaß Gerstberger selbst nicht gerechnet hatte. Obwohl der Verlag das Buch als Spitzentitel behandelte und entsprechend bewarb, sei angesichts der Vielzahl jährlicher Neuerscheinungen keineswegs selbstverständlich gewesen, was anschließend passierte. Der Roman schoss unmittelbar auf die SPIEGEL-Bestsellerliste, blieb dort über Monate und erreichte zeitweise sogar Platz eins. „Wir waren alle komplett aus dem Häuschen“, erinnert sich Gerstberger. Nicht nur sie selbst, auch ihr Umfeld im Verlag habe mit einer solchen Entwicklung nicht gerechnet.
Mit einem Bestseller wächst allerdings auch die Erwartung an eine Fortsetzung. Genau diese Aufgabe stellte sich Gerstberger mit „Hummerjahre“. Der zweite Roman setzt die Geschichte rund zwei Jahrzehnte später fort und bringt Leserinnen und Leser zurück zu vertrauten Figuren. Julie und Mina sind wieder dabei, nun 20 Jahre älter. Auch Ann, die für viele Leserinnen und Leser zu einer besonders geliebten Figur des ersten Romans geworden ist, sollte trotz der Handlung von „Die Hummerfrauen“ erneut ihren Platz bekommen. Gerstberger löst das über Rückblicke. Gleichzeitig treten Figuren, die im ersten Buch noch weniger Raum hatten, nun stärker in den Vordergrund.
Dass Leserinnen und Leser konkrete Wünsche an die Fortsetzung hatten, bekam Gerstberger bei ihren Lesungen immer wieder mit. Fragen wie „Kannst du nicht das machen?“ oder „Kannst du nicht das machen?“ habe sie durchaus gehört – und manches davon sei tatsächlich in die weitere Geschichte eingeflossen. Vollständig erfüllen könne man Erwartungen natürlich nie. Erste Reaktionen auf „Hummerjahre“ zeigten ihr jedoch, dass viele Leserinnen mit der Entwicklung der Figuren glücklich seien, selbst wenn sie einzelne Entscheidungen der Autorin nicht immer sofort nachvollziehen könnten.
Und auch wirtschaftlich begann die Fortsetzung bemerkenswert: „Hummerjahre“ sprang nach dem Erscheinen direkt auf Platz zwei der Bestsellerliste. Parallel erreichte die Taschenbuchausgabe des ersten Romans Platz eins. Gerstbergers Agentin habe diesen seltenen Moment mit den Worten „Once in a lifetime“ kommentiert. Für die Autorin selbst ist der Erfolg beim zweiten Buch keineswegs schon zur Routine geworden. Zwar sei sie bei Interviews und Lesungen inzwischen gelassener als noch zu Beginn, die Freude über eine hohe Platzierung nutze sich aber nicht einfach ab. Als sie erfuhr, dass auch der zweite Roman sofort so weit vorne eingestiegen war, sei die Begeisterung wieder genauso groß gewesen.
Eine der schönsten Metaphern ihrer Romane entstand dabei offenbar erst während des Schreibens. In „Die Hummerfrauen“ spielt der außergewöhnliche Hummer Mr. Darcy eine besondere Rolle. Um erklären zu können, warum ein Hummer sehr alt und groß werden kann, beschäftigte sich Gerstberger mit dessen Wachstum. Hummer müssen ihren alten Panzer immer wieder abwerfen, um weiterwachsen zu können. Was zunächst eine biologische Erklärung für eine Romanfigur war, entwickelte sich nach und nach zu einem Bild für die Menschen in der Geschichte. Denn wer seine alte Schale abwirft, ist zunächst verletzlich. Hummer ziehen sich in dieser Phase zurück und kommen erst wieder hervor, wenn ihr neuer Panzer fester geworden ist. „Das finde ich, sind ganz gute Bilder eben auch für Menschen, die weiterwachsen wollen“, sagt Gerstberger. Genau das tun ihre Figuren: Sie müssen Altes hinter sich lassen, verlieren Sicherheiten, sind für eine Zeit verwundbar und finden irgendwann eine neue Form, in der sie weiterleben können. Für die Autorin selbst ist dieses Bild längst ebenfalls persönlich geworden. „Man muss schon mal den alten Panzer abwerfen, um weiterzumachen“, sagt sie – und zieht dabei die Verbindung zu ihrem eigenen Berufsleben. Vielleicht habe sie gerade selbst ihren „alten Journalistenpanzer“ abgelegt und mache nun etwas ganz anderes.
Damit schließt sich ein Kreis, der an diesem Freitagabend im Kurgartensaal besonders deutlich wurde. Als Gerstberger vor mehr als zwei Jahrzehnten mit ihrem kleinen Sohn nach Maine ging, wusste sie, warum sie Hamburg verlassen wollte. Was sie unmöglich wissen konnte: Dass ausgerechnet diese Entscheidung viele Jahre später noch einmal eine vollkommen andere Bedeutung bekommen würde. Heute fragt sie sich selbst manchmal, ob dieser Weg sie vielleicht auch deshalb nach Maine geführt habe, damit sie Jahrzehnte später Romanautorin werden konnte. „Ich habe eine Entscheidung getroffen, die aber 20 Jahre, 30 Jahre später zu was ganz anderem führt“, beschreibt sie dieses Gefühl. Vielleicht liegt gerade darin ein Grund, warum ihre Geschichten trotz der großen geografischen Entfernung so gut zum diesjährigen Motto von Föhr erLesen passen. „GEZEITEN – Alles hat seine Zeit“ erzählt schließlich ebenfalls vom Kommen und Gehen, von Veränderung und Beständigkeit, von Abschied und neuen Lebensphasen. Gerstbergers Figuren werfen alte Panzer ab, Menschen verlassen vertraute Orte und beginnen neu – und manchmal wird erst viel später sichtbar, was aus einer Entscheidung geworden ist.
Am Freitagabend eröffnete Beatrix Gerstberger mit diesen Geschichten offiziell die sechste Ausgabe von Föhr erLesen. Im Gespräch mit Insel-Bote-Redakteur Jörg Brökel und bei ihrer Lesung nahm sie das Publikum mit nach Maine, zu den Menschen aus „Die Hummerfrauen“ und erstmals auch in die gerade frisch erschienenen „Hummerjahre“. Wer den ersten Roman noch nicht kannte, konnte nach Aussage der Autorin trotzdem problemlos zuhören, ohne sich die Geschichte vorwegnehmen zu lassen. Und Gerstberger selbst brachte die Verbindung zwischen Maine und Föhr vielleicht am treffendsten auf den Punkt: Direkt am Meer fühle sich ihr Buch schlicht „heimisch“ an.
Dass ausgerechnet hier eine Reise literarisch weiterging, die für sie selbst mehr als zwei Jahrzehnte zuvor begonnen hatte, passte deshalb ziemlich gut zu diesem Festivalauftakt. Damals suchte eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn für eine Zeit einen anderen Ort zum Leben und fand ein Hummerfischerdorf im Norden Maines. Heute steht dieselbe Frau als Bestsellerautorin vor ihrem Publikum und schreibt bereits an der nächsten Geschichte. Manchmal braucht es offenbar tatsächlich Jahre, bis sichtbar wird, wohin ein Weg führt.
Wer den Abend noch einmal nacherleben möchte: Das Bühnengespräch mit Autorin Beatrix Gerstberger und Insel-Bote-Redakteur Jörg Brökel stellen wir euch hier ebenfalls zum Nachhören zur Verfügung.
Fotos: Stefan Gaul
Geschrieben von: admin
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Johanna am September 7, 2026
Vielen Dank das es bei euch alles zum Lesen und Hören gibt. Hat uns alles richtig gut gefallen.