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todaySeptember 7, 2026 102 15 5
Die Jüngsten machten den Anfang: Beim Auftakt von Föhr erLesen 2026 wurden im Wyker Kurgartensaal die Geschichten der Föhrer Grundschulkinder ausgezeichnet – mit gleich drei ersten Plätzen.
19 Geschichten, drei erste Plätze und überraschende Interpretationen des Mottos „GEZEITEN – Alles hat seine Zeit“: Beim Auftakt von Föhr erLesen 2026 gehörte die Bühne im Wyker Kurgartensaal zunächst den Grundschulkindern der Insel.
Was haben Gezeiten mit dem Wechsel von der Grundschule aufs Gymnasium zu tun? Auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders viel. Doch genau darin lag am Freitagnachmittag eine der großen Überraschungen zum Auftakt von Föhr erLesen 2026. Bevor am Abend die Erwachsenen beim Föhrer Lyrikpreis und der anschließenden Lesung die Bühne übernahmen, gehörte der Kurgartensaal zunächst dem literarischen Nachwuchs der Insel. Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klassen waren erneut eingeladen worden, eigene Geschichten zu schreiben – diesmal zum Festivalmotto „GEZEITEN – Alles hat seine Zeit“. 19 Beiträge kamen zusammen, und die zeigten eindrucksvoll, wie weit sich ein vermeintlich maritimes Thema denken lässt. Am Ende konnte sich die Jury sogar nicht auf einen einzigen Sieger einigen: Drei Geschichten wurden mit einem ersten Platz ausgezeichnet.
Unsere Redaktion war bei der Preisverleihung am Freitag, 4. September, dabei. Zwischen Urkunden, kleinen Geschichtenbüchern und Glaskugeln wurde dabei deutlich, dass dieser Wettbewerb längst mehr ist als ein kleines Begleitprogramm des Literaturfestivals. Hier bekommen Kinder die Gelegenheit, selbst zu Autoren zu werden – und Erwachsene können erleben, welche Gedanken entstehen, wenn man ihnen ein Thema vorgibt, aber bei dessen Interpretation möglichst viel Freiheit lässt.
Amtsvorsteherin Heidi Braun nutzte den Auftakt zunächst, um dem Organisationsteam von Föhr erLesen für die Arbeit hinter dem inzwischen umfangreichen Festival zu danken. Wer das diesjährige Programm mit Veranstaltungen vom 4. bis 13. September betrachtet, könne erahnen, wie viel Vorbereitung dahinterstecke. „Mega viel Arbeit, Hochachtung davor“, fasste Braun ihren Eindruck zusammen. Besonders gespannt war sie aber darauf, was die jungen Autorinnen und Autoren aus dem diesjährigen Motto gemacht hatten. Gerade der Begriff „Gezeiten“ wecke zunächst ziemlich konkrete Vorstellungen. Doch die Erfahrung der vergangenen Wettbewerbe habe gezeigt, dass die Kinder solche Vorgaben häufig vollkommen anders interpretieren, als Erwachsene es erwarten würden. Geschichten entwickelten sich in unerwartete Richtungen und bekämen überraschende Enden. „Ihr habt immer so toll geschrieben“, gab Braun den Kindern mit auf den Weg – verbunden mit der Hoffnung, dass auch diesmal wieder genau diese Fantasie sichtbar werde. Und tatsächlich zeigte sich im Laufe der Preisverleihung, dass „Gezeiten“ für die Kinder keineswegs automatisch nur Ebbe, Flut, Watt und Nordsee bedeuteten. Das ergänzende Motto „Alles hat seine Zeit“ öffnete den Raum für ganz andere Geschichten: für Veränderungen, Übergänge und jene Momente im Leben, in denen etwas Bekanntes endet und etwas Neues beginnt.
Gesa Hering aus dem Organisationsteam sprach bei der Preisverleihung allerdings auch einen Punkt offen an, über den sich die Veranstalter Gedanken machen. 19 Geschichten wurden in diesem Jahr eingereicht. 2025 waren es noch 49 gewesen. Rein rechnerisch habe sie damit diesmal 30 Geschichten weniger lesen müssen, scherzte Hering zunächst. „Das war wie Geburtstag, aber auch irgendwie ein bisschen traurig“, fügte sie jedoch unmittelbar hinzu. Denn hinter dem deutlichen Rückgang steht für das Organisationsteam die Frage, weshalb in diesem Jahr wesentlich weniger Grundschulkinder mitgemacht haben. Hering fragte sich, ob in den Klassen die Zeit gefehlt habe, ob andere schulische Themen im Vordergrund standen oder ob schlicht weniger Kinder Lust hatten, eine Geschichte einzureichen. Eine endgültige Antwort darauf gab es am Freitagnachmittag nicht. An der Qualität der eingegangenen Texte lag es jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Die Entscheidung über den ersten Platz wurde dadurch keineswegs einfacher. Nachdem die Geschichten gelesen und bewertet worden waren, blieb ein Problem übrig – die Verantwortlichen konnten sich nicht auf einen einzigen Sieger festlegen. Hering hatte deshalb eine besondere Nachricht für die Kinder im Kurgartensaal: „Es gibt nicht nur einen Sieger. Wir konnten uns so schwer einigen. Die Geschichten waren wieder gut. Es gibt drei erste Plätze.“ Damit wurde aus der ursprünglich erwarteten einzelnen Siegergeschichte gleich ein Trio. Einer dieser drei jungen Autoren war bei der Preisverleihung selbst vor Ort – und wenig später auch bei uns am Mikrofon.
Jannis Kleih gewann mit seiner Geschichte „Das besondere Gefühl“ einen der drei ersten Plätze. Und ausgerechnet seine Geschichte zeigt besonders gut, wie weit sich das diesjährige Motto von den tatsächlichen Gezeiten der Nordsee lösen ließ. Jannis war selbst in der vierten Klasse, als er seinen Text schrieb. Die Sommerferien rückten näher und damit auch der Abschied von der Grundschule. Nach den Ferien würde für ihn das Gymnasium beginnen. Genau diese Situation brachte ihn auf seine Idee. Denn mit einem Schulwechsel verändert sich plötzlich die eigene Rolle: Wer in der vierten Klasse gerade noch zu den Ältesten und Großen einer Schule gehört, beginnt wenige Wochen später an einer neuen Schule wieder ganz unten. In seiner Geschichte lässt Jannis einen Viertklässler genau darüber nachdenken. Die Verabschiedung steht bevor, die Gedanken kreisen bereits um die fünfte Klasse und nach den Ferien ist zunächst Unsicherheit da. Schließlich erkennt der Junge aber, dass gerade dieser Wechsel etwas Besonderes bedeutet: einmal zu den Großen zu gehören, dann wieder einer der Kleinen zu sein – und irgendwann erneut selbst zu den Großen heranzuwachsen. So werden aus „Gezeiten“ plötzlich die unterschiedlichen Zeiten eines jungen Lebens. Kommen und Gehen, Abschied und Neubeginn finden nicht am Strand statt, sondern im Klassenzimmer.
Mit seinem ersten Platz gerechnet hatte Jannis trotz der geringeren Zahl an Einsendungen nicht. „Es waren dieses Jahr viel weniger. Es war eine höhere Chance als das letzte Jahr, aber ich hätte es eigentlich nicht gedacht“, erzählte er unserer Redaktion nach der Preisverleihung. Die Idee für „Das besondere Gefühl“ kam unmittelbar aus seiner eigenen Situation. „Ich war selber in der vierten Klasse, als ich die Geschichte geschrieben habe und war kurz vor den Sommerferien“, erklärte Jannis. Weil der Wechsel aufs Gymnasium bevorstand, habe er sich viele Gedanken darüber gemacht, wie es dort wohl sein würde. Irgendwann entstand daraus die Idee für seine Geschichte. Das besondere Gefühl sei für ihn eben genau dieser Wechsel – „von den Großen wieder zu den Kleinen“. Bemerkenswert ist auch, wie schnell aus dem Gedanken ein fertiger Wettbewerbsbeitrag wurde. Gerade einmal anderthalb bis zwei Stunden habe er ungefähr gebraucht, erzählte Jannis. Wer daraus nun allerdings eine zukünftige Schriftstellerkarriere ableiten möchte, muss den jungen Preisträger vermutlich noch etwas überzeugen. In seiner Freizeit schreibt er nach eigener Aussage nämlich eher selten. Viel lieber liest er Bücher, die andere geschrieben haben. Und auch der erste Platz beim Geschichten-Wettbewerb hat daran zunächst nichts geändert: Auf unsere Frage, ob künftig vielleicht mehr geschrieben als gelesen werde, kam eine ziemlich eindeutige Antwort – er bleibt lieber beim Lesen.
Eine weitere Teilnahme am Wettbewerb könnte sich Jannis trotzdem vorstellen. Das Problem: Der Geschichten-Wettbewerb richtet sich an die dritten und vierten Klassen der Föhrer Grundschulen – und diese Zeit hat er inzwischen hinter sich. Wenn er noch einmal dürfte, würde er aber wieder teilnehmen. Bleiben wird ihm auf jeden Fall die Erinnerung an seinen ersten Platz. Neben einer Urkunde erhalten die teilnehmenden Kinder auch zwei kleine Büchlein mit den eingereichten Geschichten sowie eine Glaskugel als Briefbeschwerer. Jannis wusste bereits, wo sein Preis künftig stehen soll: auf seinem Schreibtisch. Platz sei dort noch vorhanden, versicherte er uns. Auch die übrigen Beiträge gehen bei diesem Wettbewerb nicht leer aus. Das Konzept sieht bewusst vor, die Arbeit aller Kinder zu würdigen. Neben den Erstplatzierten werden deshalb auch die weiteren eingereichten Geschichten ausgezeichnet. Gleichzeitig sorgen die beiden kleinen Bücher dafür, dass die Texte nicht nach der Preisverleihung in einer Schublade verschwinden, sondern von den Kindern selbst und ihren Familien weitergelesen werden können.
Dass ausgerechnet die Grundschulkinder am Freitagnachmittag zu den Ersten gehörten, die beim diesjährigen Föhr erLesen im Mittelpunkt standen, passte dabei hervorragend zu einem Festival, das unter dem Motto „GEZEITEN – Alles hat seine Zeit“ zehn Tage lang ganz unterschiedliche Formen von Literatur, Musik, Natur und Begegnung auf der Insel miteinander verbindet. Am Abend ging es im Kurgartensaal bereits mit dem nächsten Wettbewerb weiter: Zum fünften Mal wurde der Föhrer Lyrikpreis verliehen, erstmals ergänzt um einen eigenen Föhrer Lyrikpreis Jugend. Anschließend folgte die Auftaktlesung mit Autorin Beatrix Gerstberger. Doch bevor die Erwachsenen ihre Gedichte und Bücher präsentieren konnten, hatten zunächst die jüngsten Geschichtenerzähler der Insel gezeigt, was ihnen zum Festivalmotto einfällt. Und vielleicht war gerade Jannis’ Geschichte ein besonders passender Auftakt für diese zehn Festivaltage. Denn „Alles hat seine Zeit“ muss eben nicht zwangsläufig von Ebbe und Flut erzählen. Manchmal liegen zwischen zwei ganz persönlichen Gezeiten lediglich sechs Wochen Sommerferien – und aus einem der Großen wird plötzlich wieder einer der Kleinen.
Fotos: Stefan Gaul
Geschrieben von: admin
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