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Rund 150 historische Grabsteine an St. Nicolai in Boldixum wurden im Rahmen eines vollständig aus Spenden finanzierten Projekts behandelt. Andreas Hansen, Restauratorin Malaika Krohn, Pfarrer Lars Olaf Aue und die Spender sind glücklich über das tolle Ergebnis.
Aus geplanten 130 wurden rund 150: Historische Grabsteine rund um St. Nicolai in Boldixum sind restauriert und konserviert worden. 67.000 Euro Spenden machten das Projekt möglich – und die nächste Idee gibt es bereits.
Jahrhunderte haben sie überstanden, doch Algen, Flechten und Moose hatten viele ihrer Inschriften zunehmend verdeckt. Rund um St. Nicolai in Boldixum ist jetzt ein außergewöhnliches Restaurierungsprojekt abgeschlossen worden: Ursprünglich sollten 130 historische Grabsteine konservatorisch behandelt werden – am Ende reichte das vollständig aus Spenden finanzierte Budget sogar für rund 150. Viele der Steine stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert und erzählen von Föhrer Familien, Seefahrern und vergangenen Lebensgeschichten. Für Initiator Andreas Hansen vom Kirchengemeinderat ist der Friedhof deshalb weit mehr als eine Ansammlung alter Grabmale: „Es ist ein Museum ohne Dach drüber, was wir hier haben.“
Die Idee entstand vor gut zweieinhalb Jahren. Hansen hatte gesehen, wie historische Grabsteine in Süderende erhalten werden, und fragte sich, warum das nicht auch bei St. Nicolai möglich sein sollte. Gemeinsam mit Joachim Taege brachte er das Projekt ins Rollen. Anders als in Süderende ging es dabei nicht darum, einzelne Steine umfassend von Grund auf zu restaurieren. In Boldixum sollte ein größerer Bestand gereinigt, konserviert und dort, wo es notwendig war, behutsam restauriert werden.
Für die fachliche Umsetzung war Diplom-Restauratorin Malaika Krohn verantwortlich. Rund ein Jahr lang erstreckten sich die praktischen Arbeiten über mehrere Aufenthalte auf Föhr. „Ich habe die Ehre und das große Vergnügen gehabt, hier diese umwerfend schönen Grabsteine restaurieren zu dürfen“, sagt sie. Das Ende des Projekts versteht Krohn zugleich als neuen Anfang: Der entscheidende Teil sei abgeschlossen, die langfristige Erhaltung der Steine gehe jedoch weiter. Ursprünglich waren 130 Grabsteine vorgesehen. Weil die Arbeiten bei vielen Exemplaren weniger aufwendig ausfielen als kalkuliert, konnten schließlich rund 20 weitere hinzukommen. „Es sollten 130 restauriert werden. Es sind 150 bei rausgekommen“, freut sich Hansen.
Die Restauratorin bescheinigt dem Bestand rund um St. Nicolai eine außergewöhnliche Qualität. Viele Grabsteine bestehen aus hochwertigem Sandstein, dessen Beschaffenheit dazu beigetragen hat, dass aufwendige Eingriffe nur an vergleichsweise wenigen Stellen notwendig waren. Trotz der salzhaltigen Luft und des ständigen Windes hätten sich die Oberflächen erstaunlich gut erhalten.
Das größere Problem waren Algen, Flechten und Moose. Deren Wachstum habe gerade in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. Dass heute weniger fossile Brennstoffe verbrannt werden und die Luft sauberer geworden ist, begünstigt nach Krohns Erklärung auch diese Organismen. Für die historischen Steine können sie problematisch werden, weil sie unter bestimmten Bedingungen Säuren bilden und dadurch langfristig das Steingefüge angreifen können.
Entfernt wurden die Beläge deshalb äußerst schonend. Zum Einsatz kamen ausschließlich Wasser und Heißdampf im niedrigen Druckbereich. Entscheidend sei, eine Oberfläche zu reinigen, ohne ihre historischen Altersspuren abzutragen. „Dass sie gereinigt ist, aber nicht ihren Alterswert verliert“, beschreibt Krohn den Anspruch. Das Ergebnis ist an vielen Stellen unmittelbar sichtbar: Inschriften, Namen und Ornamente, die zuvor unter Bewuchs verborgen waren, lassen sich wieder erkennen. Dabei spielt selbst der Sonnenstand eine Rolle. Streiflicht hebt die jahrhundertealten Reliefs besonders hervor und macht Details sichtbar, die bei anderem Lichteinfall kaum zu erkennen sind.
Wo tatsächlich restauratorische Arbeiten notwendig waren, ging Krohn gezielt vor. Lockere Bereiche des Sandsteins wurden gefestigt, alte Löcher behandelt und vorhandene Risse geschlossen. Bei einem Grabstein verlief beispielsweise ein Riss mitten durch einen Namen. Nach der Behandlung ist er zwar bei genauem Hinsehen weiterhin erkennbar, zieht den Blick aber nicht mehr auf sich.
Genau darum geht es bei der konservatorischen Restaurierung: Die Grabsteine sollen nicht aussehen, als seien sie gerade neu geschaffen worden. Ihr Alter und ihre Geschichte dürfen sichtbar bleiben. Gleichzeitig sollen Schäden nicht weiter fortschreiten und Wasser zuverlässig ablaufen können. Das regelmäßige Wechselspiel aus Feuchtigkeit und Trocknung sowie eine gute Belüftung seien für die langfristige Erhaltung besonders wichtig.
Möglich wurde das Projekt ausschließlich durch Unterstützung von außen. Rund 67.000 Euro kamen nach Angaben Hansens zusammen – jeder einzelne Euro aus Spenden. Die ersten größeren Zusagen gaben dem Projekt schnell Rückenwind. Die Föhr-Amrumer Bank unterstützte die Restaurierung mit insgesamt 15.000 Euro, von der Wyker Dampfschiffs-Reederei kamen 20.000 Euro. Weitere Unterstützung folgte von Privatpersonen, der Eilun-Feer-Stiftung sowie Lions und Rotariern.
Trotzdem fehlte zunächst noch eine beträchtliche Summe. Schließlich erklärte sich ein privater Unterstützer bereit, die noch benötigten 25.000 Euro zur Verfügung zu stellen. Für Hansen war der Moment, in dem die Zusage kam, hochemotional.„Ich habe geweint vor Freude. Ich bin jemand, der nicht oft weint“, erzählt er. Für ihn zeigte die Unterstützung zugleich etwas, das er mit Föhr verbindet: „Das ist das Schöne hier auf der Insel: Man hilft sich hier gegenseitig.“
Warum Hansen das Projekt so wichtig ist, wird bei einem Rundgang über den Friedhof schnell deutlich. Rund 16 bis 18 der behandelten Grabsteine stehen nach seinen Angaben in Verbindung mit seinen eigenen Vorfahren. Doch sein persönlicher Bezug sei nicht der entscheidende Grund gewesen. „Diese Einzigartigkeit“ müsse für kommende Generationen erhalten bleiben, sagt Hansen. Es dürfe nicht passieren, dass die Inschriften in einigen Jahrzehnten nicht mehr lesbar seien.
Manche Steine erzählen ihre Geschichte bereits durch ihre bildlichen Darstellungen. Hansen zeigt auf ein Grabmal, auf dem ein Mann mit seinen Kindern von seiner verstorbenen Frau Abschied nimmt, während diese symbolisch in den Himmel aufgenommen wird. Ein anderer Stein aus Hansens Familiengeschichte zeigt drei Windmühlen. Details, die vor der Reinigung teilweise kaum noch zu erkennen waren, treten nun wieder deutlich hervor. Hinzu kommt eine umfangreiche Dokumentation. Zwei dick gefüllte Ordner enthalten nach Angaben Hansens Texte, Informationen und ältere Fotografien der Grabsteine. Der Vergleich mit Bildern, die er selbst vor neun oder zehn Jahren aufgenommen hat, sei beeindruckend: „Es sind Welten.“
Mit der Abschlussveranstaltung endet die Arbeit deshalb nicht vollständig. Malaika Krohn soll den Bestand auch künftig begleiten. Ähnlich wie bei ihrer Arbeit an St. Clemens auf Amrum ist vorgesehen, dass sie einmal jährlich nach Boldixum kommt, die historischen Grabsteine kontrolliert und dort punktuell nachbehandelt, wo sich erneut Bewuchs entwickelt oder Handlungsbedarf zeigt.
Für die kommenden Jahre ist auch diese Nachsorge finanziell zunächst abgesichert. „Für die nächsten drei, vier Jahre sind wir safe“, sagt Hansen. Danach müsse neu geschaut werden, wie die regelmäßige Pflege weiter finanziert werden kann. Sein Dank gilt deshalb allen, die das bisherige Projekt ermöglicht haben – unabhängig von der Höhe ihrer Unterstützung. „Ich danke jedem einzelnen Spender, ob im Klingelbeutel was reinging oder ob was überwiesen wurde, egal wie viel. Alle haben Leben in diese historischen Steine gehaucht.“
Und schon gibt es eine nächste Idee. Die vielen Informationen, die zu den Grabsteinen und den Menschen dahinter zusammengetragen wurden, sollen künftig möglichst auch Friedhofsbesuchern zugänglich gemacht werden. Denkbar sind beispielsweise QR-Codes, über die sich die Geschichten direkt vor Ort mit dem Smartphone abrufen lassen.
Aus den alten Grabsteinen würde damit noch stärker das, was Andreas Hansen in ihnen längst sieht: ein frei zugängliches Geschichtsbuch mitten auf Föhr. Oder, wie er es selbst ausdrückt: „Ein Museum ohne Dach drüber.“
Fotos: Stefan Gaul
Geschrieben von: admin
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