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Kunst trifft Feuerwehr: Mit den Bewegungen der Drehleiter brachte die Jugendfeuerwehr Wyk einen frei hängenden Pinsel zum Schwingen. Aus den entstandenen Arbeiten fertigte Andreas Petzold anschließend 80 kleine Kunstwerke zum 80. Geburtstag Schleswig-Holsteins.
Feuerwehr oder Kunst? Zum 80. Geburtstag Schleswig-Holsteins verwandelten die Jugendfeuerwehr Wyk und Künstler Andreas Petzold eine Drehleiter am Wyker Hafen in ein ungewöhnliches Malwerkzeug.
Eine ausgefahrene Drehleiter, ein frei schwingender Pinsel und große Bögen Künstlerpapier mitten am Wyker Hafen: Was am Sonntag zunächst wie eine ungewöhnliche Übung der Freiwilligen Feuerwehr aussah, entpuppte sich als öffentliches Kunstexperiment. Gemeinsam mit der Jugendfeuerwehr Wyk verwandelte der Föhrer Künstler Andreas Petzold den Bereich am ehemaligen W.D.R.-Schuppen in ein Freiluftatelier. Anlass war der 80. Geburtstag des Landes Schleswig-Holstein – doch hinter der Aktion „Gegen den Strich!“ steckte weit mehr als eine Geburtstagsidee. Petzold wollte die Einsatzbereitschaft und das ehrenamtliche Engagement der Feuerwehr sichtbar machen und gleichzeitig auf eine Herausforderung aufmerksam machen, die die Inselwehren seit Jahren beschäftigt: fehlenden Nachwuchs.
Für die Kunstaktion wurde das Hubrettungsfahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr Wyk am Hafen positioniert und die Drehleiter in einem zuvor festgelegten Winkel ausgefahren. Am Rettungskorb hing ein Seil, an dessen Ende ein Gewicht und ein Pinsel befestigt waren. Auf dem Boden darunter lagen auf einer wasserfesten Plane mehrere großformatige Bögen Künstlerpapier. Nachdem Andreas Petzold, der als Künstler unter dem Namen PAN arbeitet, den Pinsel mit Farbe versehen und über dem Papier positioniert hatte, übernahm die Jugendfeuerwehr. Durch gezielte Bewegungen der Drehleiter brachten die jungen Feuerwehrleute den frei hängenden Pinsel ins Schwingen. Statt einer Hand führte damit letztlich die Bewegung der Feuerwehrtechnik den Pinsel über das Papier. Wie bei einem Pendel entstanden Linien, Tropfen, Verdichtungen und freie Flächen. Währenddessen wurden die Papierbögen immer wieder verschoben und neu angeordnet. Dadurch überlagerten sich die Spuren und entwickelten sich Stück für Stück zu abstrakten Bildern. Das Ergebnis ließ sich weder im Voraus exakt planen noch vollständig dem Zufall überlassen – gerade dieses Zusammenspiel gehörte zum Konzept. Für die Mitglieder der Jugendfeuerwehr hatte die Aktion gleichzeitig einen praktischen Nebeneffekt: Der Umgang mit der Drehleiter konnte unter Beachtung der notwendigen Sicherheitsvorgaben geübt werden.
Dass die Aktion am Sonntag, 23. August, bewusst öffentlich stattfand, war ein wichtiger Teil des Projekts. Passanten konnten am Hafen stehen bleiben, beobachten, fotografieren und unmittelbar verfolgen, wie aus den Bewegungen der Drehleiter Kunst entstand. Und genau das sorgte zunächst durchaus für Irritationen. Ein großes Feuerwehrfahrzeug mit ausgefahrener Drehleiter zieht schließlich normalerweise aus anderen Gründen Aufmerksamkeit auf sich. Erst bei genauerem Hinsehen wurde deutlich, dass am ehemaligen W.D.R.-Schuppen weder ein Einsatz noch eine gewöhnliche Übung stattfand. Die ungewöhnliche Kombination sollte bewusst Fragen aufwerfen. Feuerwehrtechnik, Jugendfeuerwehr und abstrakte Kunst trafen an einem Ort zusammen, an dem jeder den Entstehungsprozess verfolgen konnte. Die Reaktionen reichten entsprechend von Verwunderung und anfänglicher Verunsicherung bis zu Neugier und Interesse – sowohl an der Arbeit der Feuerwehr als auch am künstlerischen Prozess.
Hinter dem ungewöhnlichen Kunstexperiment steckt für Andreas Petzold zugleich eine Botschaft. Mit „Gegen den Strich!“ wollte der Föhrer Künstler nicht Brände, Unfälle oder Katastrophen künstlerisch darstellen. Im Mittelpunkt standen vielmehr diejenigen Aspekte der Feuerwehr, die im Alltag oftmals weniger sichtbar sind: ständige Einsatzbereitschaft, Verantwortung und ehrenamtliches Engagement. Die Zusammenarbeit zwischen Petzold und Föhrer Feuerwehren ist dabei nicht neu. Bereits für sein Projekt „Kunst kann Leben retten“ arbeitete der Künstler mit der Freiwilligen Feuerwehr Nieblum-Goting zusammen. Damals wurde sogar ein Löschfahrzeug Teil des künstlerischen Prozesses und als Druckstock eingesetzt. Auch die neue Aktion verbindet damit zwei Welten, die zunächst wenig miteinander gemeinsam zu haben scheinen. Gleichzeitig richtet sich der Blick diesmal besonders auf die nächste Generation: Nicht nur ein Fahrzeug der Feuerwehr war Bestandteil der Performance – die Mitglieder der Jugendfeuerwehr gestalteten das Werk durch die Bedienung der Drehleiter selbst aktiv mit.
Dass ausgerechnet die Jugendfeuerwehr beteiligt war, bekommt vor einem weiteren Hintergrund Bedeutung. Die freiwilligen Feuerwehren auf Föhr und Amrum sind dauerhaft darauf angewiesen, neue Mitglieder für ihre Arbeit zu gewinnen. Erst kürzlich hatte Amtswehrführer Hauke Brett erneut für den Eintritt in die Feuerwehren geworben. Wer auf den Inseln Interesse an großen Fahrzeugen und moderner Technik habe, sei bei den Dienstabenden ausdrücklich willkommen. Hinter dem augenzwinkernden Hinweis steckt ein ernstes Anliegen: Ohne Menschen, die bereit sind, einen Teil ihrer Freizeit für Ausbildung, Übungen und Einsätze zur Verfügung zu stellen, lässt sich das System der Freiwilligen Feuerwehren langfristig nicht aufrechterhalten. Die Kunstaktion machte deshalb nicht nur die Technik zum Hingucker. Sie rückte gleichzeitig junge Menschen in den Mittelpunkt, die sich bereits heute mit Feuerwehrarbeit beschäftigen und möglicherweise einmal zu denjenigen gehören werden, die bei Einsätzen Verantwortung übernehmen.
Mit dem Ende der Malaktion war das Projekt noch nicht abgeschlossen. Die entstandenen großformatigen Arbeiten sollten ganz bewusst nicht einfach als fertige Bilder ausgestellt werden. Nach dem Trocknen griff Petzold erneut ein und zerlegte die Arbeiten in genau 80 postkartengroße Einzelstücke. Die Zahl war dabei selbstverständlich kein Zufall: Schleswig-Holstein feierte am 23. August 2026 seinen 80. Geburtstag. Petzold überarbeitete die einzelnen Ausschnitte anschließend weiter. Aus den gemeinsam mit der Jugendfeuerwehr geschaffenen großen Papierarbeiten entstanden so 80 kleine Unikate. Verteilt wurden sie schließlich vor der „Wunderkammer 5m³“, Föhrs kleinster Galerie. Passanten konnten eines der Werke als Erinnerung an den besonderen Aktionstag mitnehmen. Damit wurde aus einem einzigen Kunstexperiment am Ende eine Vielzahl kleiner Arbeiten, die sich von Wyk aus weiterverteilten – und mit ihnen auch die Geschichte ihrer ungewöhnlichen Entstehung.
Der 80. Geburtstag Schleswig-Holsteins bekam am Wyker Hafen damit seine ganz eigene Interpretation. Statt einer klassischen Ausstellung entstand Kunst vor den Augen der Öffentlichkeit, statt eines Malers führte eine Drehleiter den Pinsel – und statt die fertigen Werke anschließend an einer Wand zu präsentieren, wurden sie in 80 Teile zerlegt und verschenkt. Vor allem aber brachte die Aktion Menschen miteinander ins Gespräch. Über Kunst, über Feuerwehrtechnik und über diejenigen, die sich freiwillig für andere engagieren. Aus einer Drehleiter, einem Pinsel und einigen Bögen Papier wurde so am Ende mehr als ein ungewöhnliches Geburtstagsprojekt: ein Kunstexperiment, eine Hommage an das Ehrenamt und eine ziemlich ungewöhnliche Werbung für die nächste Generation der Föhrer Feuerwehr.
Fotos: Andreas Petzold
Geschrieben von: admin
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todayAugust 28, 2026 147 47
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