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Heute Abend feiert das Hoftheater Föhr mit „Die Frauen der Mary Celeste“ Premiere in der Süderender Kirche.

Ein verlassenes Segelschiff mitten auf dem Atlantik. Eine Besatzung, die spurlos verschwindet. Und ein Rätsel, das die Menschen seit mehr als 150 Jahren beschäftigt. Die Geschichte der „Mary Celeste“ zählt zu den berühmtesten ungelösten Kriminalfällen der Seefahrtsgeschichte. Doch das Hoftheater Föhr erzählt diesen Stoff in seiner neuen Sommerproduktion bewusst anders. Nicht die Ermittlungen stehen im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die nach dem Verschwinden der Seeleute zurückblieben. Vor allem die Frauen, die auf ihre Männer, Söhne und Verlobten warteten. Unsere Redaktion hat das Ensemble bereits vor der heutigen Premiere bei den Proben in der Süderender Kirche besucht.
Als die „Mary Celeste“ im Dezember 1872 verlassen auf dem Atlantik entdeckt wurde, begann eines der größten Mysterien der Seefahrtsgeschichte. Das Schiff war nahezu unversehrt, die Ladung befand sich noch an Bord – doch von der gesamten Besatzung fehlte jede Spur. Bis heute konnte niemand zweifelsfrei klären, was damals wirklich geschah. Genau diese Geschichte hat jedoch eine enge Verbindung zu Föhr und Amrum. Unter den Vermissten befanden sich die Brüder Volkert und Boy Lorenzen aus Utersum sowie Arian Knudt Martens aus Süddorf auf Amrum. Für das Hoftheater war genau diese regionale Verbindung der Ausgangspunkt für die neue Inszenierung.
Die Idee zur Produktion entstand ursprünglich innerhalb des Ensembles. Gemeinsam entwickelten Regisseur Nicolas Dabelstein und Schauspielerin Anna Mariani daraus schließlich ein Stück, das bewusst eine andere Perspektive einnimmt als viele bisherige Erzählungen über die „Mary Celeste“. Zwar spielt der berühmte Kriminalfall weiterhin eine wichtige Rolle, doch im Mittelpunkt stehen die Frauen, die damals auf Föhr zurückblieben. Während die Welt über das rätselhafte Verschwinden der Seeleute sprach, fragte kaum jemand danach, was der Verlust für deren Familien bedeutete. Genau diesen Frauen möchte das Hoftheater nun eine Stimme geben. „Man kennt immer die Heldengeschichten der Männer“, sagt Anna Mariani. „Aber kaum jemand fragt, wie es den Frauen ging, die zu Hause gewartet haben.“
Schon während der Proben wurde deutlich, wie emotional die Geschichte auch für die Mitwirkenden selbst ist. Anna Mariani erzählt offen, dass sie selten eine Rolle gespielt habe, die sie so sehr berührt habe wie diese. Zeitweise habe sie sogar daran gezweifelt, ob sie diese Rolle überhaupt spielen könne. Auch Schauspieler und Landwirt Jann „Janni“ Riewerts gibt zu, dass ihn das Stück überrascht habe. Anfangs habe er sich gefragt, wie aus diesem historischen Stoff überhaupt ein Theaterstück entstehen könne. Erst als das Ensemble das komplette Stück gemeinsam gelesen habe, sei ihm bewusst geworden, welche Kraft in der Geschichte steckt. „Das hat mich richtig mitgenommen“, erzählt er.
Wer einen klassischen Krimi erwartet, wird überrascht werden. Nicolas Dabelstein beschreibt die Produktion als eine Mischung aus historischem Theater, Kriminalgeschichte und menschlichem Drama. Neben den wartenden Frauen spielt auch der britische Generalstaatsanwalt Frederick Solly-Flood eine wichtige Rolle. Er versucht, den spektakulären Fall für seine eigene Karriere zu nutzen und wieder in die Gunst Londons zurückzukehren. Verkörpert wird er von Schauspieler Enno Kalisch, der bereits mit seiner Darstellung des dänischen Widerstandskämpfers Kaj Munk das Föhrer Publikum begeisterte. Seine neue Rolle beschreibt Kalisch mit einem Schmunzeln: „Nach ihm kommt nicht einmal die Sintflut – er glaubt, er ist die Sintflut.“
Eine ganz besondere Rolle spielt auch der Aufführungsort. Die große Süderender Kirche bietet den Schauspielern völlig andere Möglichkeiten als die kleine Bühne des Hoftheaters. Für Nicolas Dabelstein spiegelt der Kirchenraum genau das wider, worum es in dem Stück geht: Weite, Einsamkeit und das Gefühl, dem Schicksal ausgeliefert zu sein. Gleichzeitig eignet sich der Raum hervorragend für die Gerichtsszenen der Inszenierung. Auch Enno Kalisch schwärmt von der besonderen Akustik. Jede Stimme, jede Nuance bekomme hier eine ganz eigene Wirkung. Gerade diese Atmosphäre mache das Theatererlebnis noch intensiver und ziehe das Publikum unmittelbar in die Geschichte hinein.
Neben den bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern des Hoftheaters wirken auch diesmal wieder zahlreiche neue Gesichter mit. Auf der Bühne stehen unter anderem Frauke Riewerts, Göntje Christiansen, Fenja Oestreich, Daniel Brauer, Frank Brodersen, Marcus Grolms, Amrei Schnock sowie Kacau Gomes, die vielen auf Föhr bereits als Schauspielerin und Sängerin bekannt ist. Für die eigens komponierte Musik zeichnet erneut Synje Norland verantwortlich. Unterstützt wird sie von den Musikerinnen Romina Taverna und Bettina Behn, die gemeinsam für eine ganz besondere Klangkulisse sorgen werden. Gerade diese Mischung aus professionellen Schauspielern und engagierten Insulanern macht den besonderen Charme des Hoftheaters aus und sorgt jedes Jahr für außergewöhnliche Produktionen.

Natürlich existieren bis heute zahlreiche Theorien darüber, was an Bord der „Mary Celeste“ tatsächlich passiert sein könnte. Auch innerhalb des Ensembles gibt es unterschiedliche Vermutungen. Verraten möchte diese allerdings niemand. „Das wäre doch langweilig“, sagt Anna Mariani lachend. Schließlich gehöre gerade das Rätseln zu den Dingen, die diese Geschichte seit Generationen so faszinierend machen. Viel wichtiger sei es, dass sich jeder Zuschauer nach der Aufführung seine ganz eigene Meinung bilde.
Für Nicolas Dabelstein ist genau das die eigentliche Aufgabe des Theaters. Es gehe nicht darum, fertige Antworten zu liefern, sondern den Menschen einen Spiegel vorzuhalten. Das Stück erzähle zwar eine Geschichte aus dem Jahr 1872, stelle aber gleichzeitig Fragen, die auch heute noch aktuell seien. Enno Kalisch hofft deshalb, dass die Besucher lachen, mitfühlen, nachdenken und vielleicht sogar ein Stück weit sich selbst in den Figuren wiederfinden. „Für die Seele ist auf jeden Fall etwas dabei“, sagt er.
Heute Abend feiert „Die Frauen der Mary Celeste“ in der Süderender Kirche Premiere. Anschließend folgen weitere Aufführungen im Juli sowie Ende August. Wer sich dieses außergewöhnliche Theaterstück nicht entgehen lassen möchte, sollte sich rechtzeitig Karten sichern. Tickets gibt es bequem über die Internetseite des Hoftheaters unter www.hoftheater-foehr.de. Sofern noch Plätze verfügbar sind, können Eintrittskarten auch an der Abendkasse erworben werden.
Mit seiner neuen Sommerproduktion erzählt das Hoftheater Föhr nicht nur die Geschichte eines weltberühmten Geisterschiffes. Es erzählt vor allem von Hoffnung, Verlust, Liebe und dem langen Warten der Menschen auf Föhr – und macht damit aus einem historischen Rätsel ein bewegendes Theatererlebnis, das das Publikum noch lange beschäftigen dürfte.
Fotos: Stefan Gaul
Geschrieben von: admin
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