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Mehr als 400 Werke und eine besondere Familiengeschichte: Im Dörpshus in Nieblum verkaufen Susanne Schlink, Monika Schumack und Joachim Schumack Bilder von Rosemarie Schlink zugunsten der Föhrer Tafel.
Mehr als 400 Werke von Rosemarie Schlink sind im Dörpshus Nieblum zu sehen und zu kaufen. Die Malerin begann einst auf Föhr mit ihrer Kunst. Heute verkaufen ihre Töchter und ihr Schwiegersohn den außergewöhnlichen Nachlass zugunsten der Föhrer Tafel.
Manchmal ist ein Bild längst fertig – und seine Geschichte beginnt trotzdem noch einmal von vorn. Bei den Werken von Rosemarie Schlink geschieht genau das gerade im Dörpshus in Nieblum. Mehr als 400 ihrer Bilder haben ihre Töchter Susanne Schlink und Monika Schumack gemeinsam mit Monikas Ehemann Joachim erneut nach Föhr gebracht. Sie sollen nicht in Schränken oder Regalen verschwinden, sondern neue Besitzer finden. Und mit jedem verkauften Bild entsteht gleichzeitig etwas Gutes: Der Erlös der Ausstellung ist für die Föhrer Tafel bestimmt.
Eigentlich hatte die Aktion im vergangenen Jahr schon ein wenig nach Abschied geklungen. Damals brachte die Familie 380 Werke aus dem riesigen künstlerischen Nachlass Rosemarie Schlinks auf die Insel. Rund 200 davon fanden neue Besitzer, am Ende konnten 5.007,14 Euro an die Föhrer Tafel übergeben werden. Doch damit war die Geschichte offenbar noch lange nicht zu Ende. Immer wieder wurde die Familie gefragt, wann sie wieder nach Föhr komme. Und zu Hause warteten noch so viele Bilder, dass irgendwann klar war: Das Auto muss noch einmal gepackt werden. „Jetzt sind wir einfach wieder da“, erzählt Monika Schumack im Gespräch mit unserer Redaktion. Diesmal ist die Auswahl sogar noch größer: Mehr als 400 Werke haben die drei mitgebracht – darunter zahlreiche Arbeiten, die im vergangenen Jahr noch gar nicht auf Föhr zu sehen waren.
Dass eine solche Ausstellung nicht mal eben mit zwei Bilderkartons organisiert wird, zeigte sich schon bei der Anreise. Joachim Schumack musste erneut sein inzwischen beinahe legendäres „Kofferraum-Tetris“ spielen. „Ohne ihn wäre es nicht gegangen“, erzählt Monika lachend. Am Ende habe praktisch nichts mehr wackeln oder rutschen können, das Auto sei „voll bis unters Dach“ gewesen. Ein Teil der Arbeiten war bereits im vergangenen Jahr vorhanden, konnte damals aber noch nicht mitgenommen werden. Darunter befanden sich beispielsweise Pastelle, für die zunächst passende Rahmen benötigt wurden. Außerdem entdeckte die Familie noch einmal rund 60 Porträts aus dem Nachlass ihrer Mutter.
Nun hängen sie gemeinsam mit einer riesigen Auswahl an Aquarellen, Landschaften, Blumenmotiven und Stillleben im Dörpshus. Die Bandbreite zeigt zugleich, wie sehr sich Rosemarie Schlink über die Jahre künstlerisch weiterentwickelte. Ihre ersten Arbeiten waren kleine Miniaturen in naiver Malerei, mit Blumen und Reetdachhäusern. Später wurden die Formate größer und die Techniken vielfältiger. Sie bildete sich bei verschiedenen Künstlern weiter, unter anderem in Frankfurt, und aus dem zunächst privaten Interesse entwickelte sich eine Leidenschaft, die einen großen Teil ihres Lebens bestimmen sollte. Und begonnen hat diese Geschichte ausgerechnet auf Föhr.
1976 kam die Familie erstmals gemeinsam auf die Insel. Danach verging nach Erinnerung ihrer Tochter praktisch kein Jahr mehr ohne Föhr – wenn auch in unterschiedlichen Familienkonstellationen. Rosemarie Schlink hatte dabei einen anderen Tagesrhythmus als der Rest: „Wir sind alle Langschläfer. Nur meine Mutter ist morgens um fünf, sechs aufgestanden“, erinnert sich Monika Schumack. Diese frühen Stunden gehörten Rosemarie und ihrer Malerei. Wenn der Rest der Familie schließlich bereit für den Tag war, war mitunter das erste Bild längst fertig.
Was zunächst nach einem kreativen Urlaubshobby aussah, wurde immer größer. Rosemarie Schlink arbeitete eigentlich als Bilanzbuchhalterin und war auch berufstätig, als ihre beiden Kinder noch zu Hause waren. Erst ungefähr mit 50 Jahren entdeckte sie, welches künstlerische Talent in ihr steckte. Monika bringt diese beiden Seiten ihrer Mutter mit drei Worten wunderbar zusammen: „Eine kreative Buchhalterin.“ Von da an gehörte die Malerei fest zu Rosemaries Alltag. Über rund drei Jahrzehnte entstanden kontinuierlich neue Werke. Ihre Töchter haben irgendwann selbst nachgerechnet und kamen zu einem erstaunlichen Ergebnis: Rein rechnerisch müsse über all diese Jahre ungefähr jede Woche ein gutes Bild entstanden sein. Rosemarie stellte ihre Werke schließlich auch öffentlich aus, unter anderem im Frankfurter Palmengarten und auf der Insel Mainau. Besonders in den 1990er-Jahren verkaufte sie erfolgreich. Für Arbeiten, die bei der heutigen Spendenaktion bewusst zu erschwinglichen Preisen angeboten werden, wurden damals teilweise Beträge um 950 D-Mark bezahlt.
Genau darin steckt vielleicht der schönste Gedanke der heutigen Ausstellung. Die Familie möchte aus dem Nachlass ihrer Mutter kein Geschäft machen. Sie möchte erleben, dass deren Bilder wieder irgendwo an einer Wand hängen und jemandem Freude bereiten – und gleichzeitig Menschen auf Föhr unterstützen, die Hilfe benötigen. „Man muss loslassen können“, sagt Monika Schumack. Einfach sei dieser Prozess zunächst nicht gewesen. Schließlich waren die Bilder über Jahrzehnte Bestandteil des Lebens ihrer Mutter und später Teil des Familiennachlasses. Inzwischen hat die Familie jedoch ihren eigenen Weg gefunden, dieses Loslassen regelrecht zu zelebrieren: Erst macht es Susanne, Monika und Joachim Freude, die Arbeiten auszuwählen und zu rahmen. Dann kommt jemand ins Dörpshus, entdeckt sein persönliches Lieblingsbild und nimmt es mit nach Hause. Und schließlich profitiert von diesem neuen Zuhause eines Bildes noch ein weiterer Mensch – denn das Geld geht an die Föhrer Tafel.
Wohin Rosemaries Werke inzwischen überall gereist sind, hält die Familie teilweise sogar fest. Bei den Käufern wird nachgefragt, wo das Bild künftig hängen wird. So wandern die Arbeiten von Föhr aus beispielsweise nach Dortmund, Berlin-Wilmersdorf, München oder Garmisch, einige Werke haben bereits früher ihren Weg ins Ausland gefunden. Bei mehr als 400 Bildern in Nieblum könnte man glauben, dass sich die Familie inzwischen von allem trennen kann – doch einige Arbeiten haben einen so persönlichen Wert, dass sie niemals verkauft werden. Monika nennt dafür ein besonders schönes Beispiel: Zur Hochzeit von ihr und Joachim malte Rosemarie den Hochzeitsstrauß ihrer Tochter. Dieses Bild bleibt selbstverständlich in der Familie. Auch andere Werke wurden den Töchtern zu besonderen Anlässen geschenkt und haben ihren festen Platz zu Hause. Für Monika sind die Bilder ihrer Mutter beinahe „wie Kinder“. Umso schöner sei der Gedanke, dass viele von ihnen nun ein neues Zuhause bekommen, anstatt irgendwo im Kleiderschrank zu verschwinden.
Dass die Familie erneut die Föhrer Tafel unterstützt, hat einen wesentlich tieferen Hintergrund als allein die Verbundenheit mit der Insel. Rosemarie Schlinks eigene Lebensgeschichte spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie stammte aus Stettin und musste als Kind ihre Heimat verlassen. Auf dem Weg in ein neues Leben verlor sie nach den Erinnerungen ihrer Tochter praktisch alles, was sie besaß. Über verschiedene Stationen führte ihr Weg schließlich nach Frankfurt. Für Monika Schumack verbindet sich diese Erfahrung unmittelbar mit der Frage, warum Menschen Unterstützung brauchen. Ihre Mutter habe selbst erlebt, was es bedeutet, nach einem Verlust wieder Fuß fassen und sich ein eigenes Leben aufbauen zu müssen.
„Wer Hilfe braucht, muss sie bekommen“, sagt Monika. Das eigentliche Ziel sei dabei, Menschen so lange zu unterstützen, bis sie irgendwann keine Hilfe mehr benötigen und selbstständig ihren Weg gehen können. Genau deshalb bekommt die Spendenaktion eine zusätzliche Bedeutung: Aus dem Lebenswerk einer Frau, die selbst erfahren hat, was Verlust und Neuanfang bedeuten, entsteht Jahrzehnte später Unterstützung für andere Menschen. Die Familie ist überzeugt, dass auch Rosemarie dieser Gedanke gefallen hätte. Bereits früher wurde mit ihren Werken unter anderem die Frankfurter Tafel unterstützt, auf Föhr geht der Erlös nun zum zweiten Mal an die hiesige Tafel.
Dass all das ausgerechnet in Nieblum geschieht, ist kein Zufall. Föhr war für Rosemarie Schlink weit mehr als ein Urlaubsort. Ihre Sehnsucht nach dem Meer sei immer groß gewesen, erzählt ihre Tochter. Dass die Familie damals ausgerechnet auf Föhr landete, war zunächst eher Zufall. Doch Rosemarie verliebte sich in die Insel und kehrte immer wieder zurück. Auch das Dörpshus selbst ist Teil dieser Geschichte: Rosemarie Schlink hat hier zu Lebzeiten bereits zweimal ihre eigenen Werke gezeigt. Wenn ihre Familie heute zwischen ihren Bildern steht, ist die Erinnerung deshalb besonders präsent. Monika kann noch genau zeigen, wo ihre Mutter damals im Haus ihren Platz hatte. „Irgendwie atmet dieses Haus immer noch diesen Geist“, erzählt sie. Für die Familie fühle es sich tatsächlich so an, als sei Rosemarie ein Stück weit dabei.
Eine Erinnerung ist besonders lebendig: Bei einer ihrer Vernissagen überraschten ihre Töchter sie gemeinsam mit Joachim mit ihrem Besuch. Rosemarie wusste nichts davon – und ihre Reaktion hat Monika bis heute im Ohr. Auf die Frage, was ihre Mutter wohl sagen würde, wenn sie heute durch die Tür käme und sähe, dass ihre Werke auf Föhr neue Besitzer finden und dabei auch noch anderen Menschen helfen, muss Monika deshalb nicht lange überlegen: „Sie wäre glücklich.“
Wer selbst ein Werk von Rosemarie Schlink entdecken möchte, hat dazu noch bis Donnerstag, 17. September, Gelegenheit. Die Verkaufsausstellung im Dörpshus in Nieblum ist täglich von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Die Bilder werden bewusst zu erschwinglichen Preisen angeboten, damit möglichst viele von ihnen ein neues Zuhause finden können. Der Erlös kommt erneut der Föhrer Tafel zugute.
Ob es danach wirklich endgültig vorbei ist? Diese Frage beantwortet Monika Schumack inzwischen vorsichtiger als noch vor einem Jahr. Solange Bilder vorhanden sind und Menschen Interesse daran haben, will die Familie sie auch anbieten. Irgendwann wird der außergewöhnliche Fundus zwangsläufig kleiner werden – doch wann dieser Zeitpunkt erreicht ist, weiß heute niemand. Eines hat die Familie schließlich schon bewiesen: Beim Wort „letzte Ausstellung“ sollte man bei den Schlinks lieber etwas vorsichtig sein.
Fotos: Stefan Gaul
Geschrieben von: admin
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