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Inselnews

75 Jahre Utersumer Trachtengruppe: Rund 200 Trachtenträger aus ganz Deutschland feiern auf Föhr

todaySeptember 14, 2026 70 23 5

Hintergrund
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Elf Stunden Anreise für ein besonderes Jubiläum: Warum rund 200 Trachtenträger nach Utersum kamen

Gäste aus dem Allgäu, dem Spreewald und vielen weiteren Regionen kamen nach Föhr: Rund 200 Trachtenträgerinnen und Trachtenträger feierten in Utersum das 75-jährige Bestehen der Utersumer Trachtengruppe. Dahinter steckt eine Geschichte, die 1951 begann und bis heute Menschen weit über die Insel hinaus verbindet.

Was haben ein Schuhplattler aus dem Allgäu, eine prächtige Haube aus dem Spreewald, eine Dithmarscher Landestracht und der wertvolle Silberschmuck der Föhrer Tracht gemeinsam? Am vergangenen Samstag ziemlich viel. Sie alle gehörten zum Bild eines außergewöhnlichen Nachmittags in Utersum. 75 Jahre Utersumer Trachtengruppe wurden gefeiert – und aus einem Inseljubiläum wurde dabei beinahe ein kleines Treffen von Trachten-Deutschland. Rund 200 Trachtenträgerinnen und Trachtenträger kamen zusammen, zogen durch das Friesendorf und feierten anschließend in und an der Strandkorbhalle weiter. Neben den Föhrer Gruppen und Gästen von Amrum waren Abordnungen aus Schleswig-Holstein, dem Spreewald und verschiedenen Teilen Süddeutschlands angereist.

Unsere Redaktion war mittendrin im Jubiläumstrubel und hat mit Gästen gesprochen, die teilweise viele Stunden unterwegs gewesen waren, um persönlich zu gratulieren. Dabei wurde schnell deutlich: Hinter den unterschiedlichen Trachten stecken nicht nur Stoffe, Schmuck und Tänze, sondern Geschichten und Freundschaften, die teilweise seit vielen Jahren bestehen. Und auch die Utersumer Trachtengruppe selbst war bei ihrer Gründung 1951 keineswegs nur als Tanzgruppe gedacht. Sprache, friesisches Liedgut und Kultur sollten bewahrt werden. 75 Jahre später wird genau diese Idee noch immer gelebt – und schafft Verbindungen weit über Föhr hinaus.

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Elf bis zwölf Stunden unterwegs – für einen Geburtstag auf Föhr

Eine der weitesten Anreisen hatte eine Abordnung des Heimat- und Trachtenvereins Wangen im Allgäu. Rund 20 Kilometer vom Bodensee entfernt liegt die Heimat der Gäste, die für die Reise nach Föhr einschließlich Fähre etwa elf bis zwölf Stunden unterwegs waren. Dass man eine solche Strecke für den Geburtstag einer Trachtengruppe auf einer Nordseeinsel auf sich nimmt, hat einen Grund: Die Verbindung zwischen Föhr und Wangen ist über Jahre gewachsen. Begegnungen bei Trachtenveranstaltungen führten zu gegenseitigen Besuchen, 2024 waren Föhrer Trachtenträgerinnen außerdem zur Landesgartenschau in Wangen eingeladen. Aus Kontakten wurden Freundschaften – und so war für die Gäste aus dem Allgäu klar, dass sie beim Utersumer Jubiläum dabei sein wollten.

Der Verein in Wangen zählt rund 100 Mitglieder, etwa 50 davon tanzen noch aktiv. Zwei unterschiedliche Trachten gehören zur Gruppe, für die Reise nach Föhr entschied man sich für die Gebirgstracht. Und natürlich hatten die Gäste auch etwas mitgebracht, das sich deutlich von den norddeutschen Tänzen unterschied: einen Plattler. Dabei schlagen die Männer rhythmisch auf Hosen und Schuhsohlen, während sich die Frauen dazu drehen. Genau solche Unterschiede machten den Nachmittag besonders. In der Strandkorbhalle folgte ein Tanz auf den nächsten – und jede Region brachte ein Stück ihrer eigenen Heimat mit nach Utersum.

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Spreewälder Hauben – und eine große Dose Gurken im Gepäck

Auch aus Lübbenau im Spreewald waren zwei Vertreterinnen eines sorbischen Vereins angereist. Rund siebeneinhalb Stunden dauerte ihre Fahrt, doch für sie war der Besuch zugleich eine Rückkehr. Die Verbindung nach Föhr entstand bereits 2012, als eine der beiden Frauen in Utersum dabei war, als die Föhrer Tracht ausgezeichnet wurde. Ein Jahr später stand ihre eigene Tracht im Mittelpunkt. Seitdem kennt man sich über die gemeinsame Trachtenarbeit – und als die beiden vom 75. Geburtstag in Utersum erfuhren, entschieden sie sich vergleichsweise spontan, persönlich zu gratulieren. Nach der Feier sollte es deshalb auch nicht gleich wieder nach Hause gehen: Erst am Montag war die Rückreise vorgesehen.

Optisch waren die Gäste aus dem Spreewald ohnehin kaum zu übersehen. Besonders charakteristisch sind ihre aufwendig gestalteten Hauben, dazu kommen Stickereien, Spitze und farbenprächtige Stoffe. Selbst innerhalb der Spreewälder Trachten gibt es Unterschiede: An der Ausgestaltung lässt sich nach Aussage der Vereinsvertreterin teilweise erkennen, aus welchem Ort beziehungsweise Kirchspiel eine Trägerin stammt. Und weil zu einer Reise aus dem Spreewald nach Föhr offenbar nicht nur die Tracht gehört, hatten die beiden noch ein weiteres Stück Heimat dabei: eine große Dose Spreewälder Gurken. Zwischen all der Kultur durfte beim Jubiläum schließlich auch ein wenig augenzwinkerndes Klischee erlaubt sein.

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Warum eine Haube früher schon verriet, ob sich das „Anbandeln“ lohnt

Noch eine andere Geschichte ihrer Kleidung brachte eine Abordnung der Büsumer Reetdänzer mit nach Föhr. Die 1994 gegründete Gruppe trägt eine nach historischen Vorbildern gefertigte Dithmarscher Landestracht. Die Büsumerinnen sind in Rot unterwegs, während bei anderen Trachtengruppen aus Dithmarschen beispielsweise auch Blau, Grün oder Violett vorkommen. Der Name „Reetdänzer“ erinnert nach der Überlieferung der Gruppe daran, dass früher beim Decken eines Reetdaches auch getanzt worden sein soll. Die Verbindungen nach Föhr entstehen vor allem über den gemeinsamen Landestrachtenverband: Man begegnet sich bei Veranstaltungen, hält Kontakt und lädt sich gegenseitig zu besonderen Jubiläen ein.

Besonders spannend wird es, wenn die Tracht selbst zu erzählen beginnt. Die Büsumer Gesprächspartnerin erklärte unserer Redaktion beispielsweise die Bedeutung der Haube: Verheiratete Frauen trugen sie, während unverheiratete Mädchen ihre Haare offen zeigten. Ein interessierter Junggeselle konnte demnach schon von weitem erkennen, wer überhaupt noch infrage kam – die Frau war eben bereits „unter die Haube gekommen“ oder nicht. Auch das „Anbandeln“ verbindet die überlieferte Geschichte der Gruppe mit den Bändern der Tracht. Und selbst über die wirtschaftlichen Verhältnisse soll Kleidung Auskunft gegeben haben: Nach der innerhalb der Gruppe weitergegebenen Überlieferung stand jeder Knopf einst für einen gewissen Landbesitz. Ob sich das Anbandeln lohnte, ließ sich demnach nicht nur am Beziehungsstatus, sondern möglicherweise gleich am Vermögen ablesen.

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1951 sollte in Utersum mehr entstehen als eine Tanzgruppe

Hinter dem Jubiläum steckt allerdings eine Geschichte, die weit über Polka, Tracht und Tanz hinausreicht. 1951 wurde die Utersumer Trachtengruppe auf Initiative von Lorenz Braren gegründet. Utersums Bürgermeister Hark Steinert erinnerte im Gespräch mit unserer Redaktion daran, dass Braren Föhrer Wurzeln hatte, beruflich außerhalb der Insel erfolgreich geworden war und dennoch immer wieder nach Utersum zurückkehrte. Er beschäftigte sich intensiv mit Föhrer Familien- und Geschlechterreihen und wollte schließlich auch einen Beitrag dazu leisten, die friesische Kultur lebendig zu halten. Die neu gegründete Gemeinschaft sollte deshalb ausdrücklich mehr sein als eine Gruppe, die bei Veranstaltungen ein paar Tänze aufführt.

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Steinert beschreibt die ursprüngliche Idee sinngemäß als eine Art kulturelles Leuchtfeuer: Die westföhringische Sprache sollte gepflegt, friesisches Liedgut erhalten und kulturelles Wissen weitergegeben werden. Dass bei der Gründung nicht ausschließlich junge Tänzerinnen beteiligt waren, sondern unterschiedliche Generationen und auch Männer, unterstreicht für den Bürgermeister diesen breiteren Anspruch. Bereits im Gründungsjahr führte die Geschichte die neue Gruppe weit weg von Föhr: Braren lud sie 1951 zum Oktoberfest nach München ein. Ausgerechnet 75 Jahre später waren nun wieder Trachtenträger aus dem Süden Deutschlands nach Utersum gekommen – diesmal in die andere Richtung.

Für die Gemeinde ist die Gruppe längst zu einer festen Institution geworden. „Das ist ein Glücksfall für uns“, sagt Hark Steinert. Bei den friesischen Abenden in Utersum gehört sie regelmäßig dazu und ist nach seinen Worten ein Besuchermagnet. Dabei war die Utersumer Trachtengruppe nie ausschließlich auf Einwohner des Dorfes beschränkt. Schon in ihren Anfangsjahren kamen Mitglieder aus den Nachbardörfern hinzu, und auch heute tanzen Menschen aus unterschiedlichen Teilen Föhrs mit. Dass die Tradition nach 75 Jahren nicht nur verwaltet, sondern tatsächlich gelebt wird, zeigt für Steinert auch, dass weiterhin neue Tänzerinnen und Tänzer dazukommen.

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Stundenlanges Ankleiden und Silberschmuck von beträchtlichem Wert

Wie viel Aufwand hinter der Föhrer Tracht steckt, weiß kaum jemand besser als Tinchen, die die Utersumer Trachtengruppe selbst über mehrere Jahre leitete. Für sie gehören vor allem zwei Dinge untrennbar dazu: Tradition und der charakteristische friesische Silberschmuck. Dieser wird teilweise über Generationen innerhalb der Familien weitergegeben und kann nach ihrer Einschätzung einen Wert von bis zu 10.000 Euro erreichen. Auch die Herstellung und Anpassung der Kleidung erfordert entsprechendes Wissen und handwerkliches Können. Selbst die Männer waren beim Jubiläum besonders herausgeputzt und trugen eigens gefertigte Jacken.

Wer eine Föhrer Tracht nur fertig angezogen sieht, ahnt außerdem kaum, wie lange der Weg bis dahin sein kann. Das Ankleiden dauert und zahlreiche Nadeln halten einzelne Bestandteile an ihrem Platz. Tinchen erinnert sich lachend daran, dass deshalb manchmal sogar das Ausziehen nach einer langen Feier zur Herausforderung werden kann: Wer allein nach Hause kommt, muss erst einmal herausfinden, wo überall noch Nadeln stecken. Genau solche kleinen Geschichten zeigen, dass Tracht auf Föhr kein Kostüm ist, das für einen Auftritt schnell übergezogen und anschließend wieder in den Schrank gehängt wird. Dahinter stehen Wissen und Handgriffe, die weitergegeben werden müssen – genauso wie Lieder, Tänze und Sprache.

Dass beim 75. Geburtstag selbst Bürgermeister Hark Steinert nicht ausschließlich zuschauen durfte, sorgte übrigens ebenfalls für Gesprächsstoff. Obwohl er sich selbst weder als Tänzer noch als Trachtentänzer bezeichnet, hatten ihn die Frauen überredet, mitzumachen. Ganz allein musste er glücklicherweise nicht antreten. Tinchen hatte seinen Auftritt aufmerksam beobachtet und stellte ihm anschließend ein durchaus ordentliches Zeugnis aus: Das sei „ganz gut“ gegangen.

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Wie aus einem Trachtentag eine Freundschaft über 14 Jahre wurde

Wie weit das Netzwerk der Utersumer und Föhrer Trachtenträger inzwischen reicht, machte schließlich auch der Vizepräsident des Deutschen Trachtenverbandes deutlich. Seine persönliche Verbindung zur Insel begann beim Deutschen Trachtentag 2012 in Utersum. Weil der Präsident des Verbandes damals verhindert war, übernahm er die Leitung der Versammlung. Aus dieser Begegnung entwickelte sich nach seinen Worten ein kameradschaftliches Verhältnis, das inzwischen seit rund 14 Jahren besteht. Bei verschiedenen Veranstaltungen in Deutschland waren Föhrer Trachtenträgerinnen seitdem immer wieder mit dabei. Wenn er für einen Trachtenmarkt eine besondere Gruppe aus dem Norden suchte, fiel seine Wahl mehrfach auf die Föhrer. Als besondere „Augenweide“ seien sie bei solchen Veranstaltungen gefragt gewesen.

Dieses über Jahre entstandene Netzwerk erklärt auch, warum sich beim 75. Geburtstag plötzlich Trachten aus so vielen Teilen Deutschlands in einem kleinen Friesendorf versammelten. Die Nachricht vom Jubiläum machte innerhalb des Verbandes die Runde, weitere Trachtenträger wollten mitkommen – und so wuchs die Zahl der Gäste immer weiter. Für den Vizepräsidenten des Deutschen Trachtenverbandes lag darin eine besondere Stärke des Festes: Auf Föhr konnten an einem einzigen Nachmittag deutsche Trachten aus ganz unterschiedlichen Regionen präsentiert werden. Was andernorts Hunderte Kilometer voneinander entfernt gepflegt wird, stand in Utersum plötzlich gemeinsam auf der Tanzfläche.

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Rund 200 Trachtenträger zeigen, wie lebendig 75 Jahre Tradition sein können

Am Ende war es deshalb weit mehr als eine Geburtstagsfeier für einen Verein. Rund 200 Trachtentänzerinnen und Trachtentänzer machten Utersum für einen Tag zu einem Treffpunkt unterschiedlichster regionaler Traditionen. Die Utersumer zogen gemeinsam mit den anderen Föhrer Trachtengruppen, Gästen von Amrum und zahlreichen weit angereisten Freunden durch das Dorf, anschließend wurde in der Strandkorbhalle weitergetanzt, gratuliert, erzählt und gefeiert. Nach den heftigen Regengüssen der vorangegangenen Tage spielte dabei sogar das Wetter mit – wichtig für Kleidung, bei der ein kräftiger Regenschauer alles andere als willkommen ist.

Vor allem aber zeigte dieser Samstag, was aus einer Idee von 1951 geworden ist. Damals sollte in Utersum nicht einfach eine weitere Tanzgruppe entstehen. Es ging darum, friesische Kultur sichtbar zu machen und an die nächsten Generationen weiterzugeben. 75 Jahre später tragen Menschen weiterhin die Föhrer Tracht, singen, tanzen und pflegen ihre Tradition – und haben dabei Freundschaften aufgebaut, die bis ins Allgäu, in den Spreewald und in andere Teile Deutschlands reichen. Manche nehmen elf oder zwölf Stunden Anreise auf sich, um bei einem Jubiläum auf Föhr dabei zu sein. Vielleicht ist genau das das schönste Geburtstagsgeschenk für die Utersumer Trachtengruppe: Eine Tradition, die nach 75 Jahren nicht nur erinnert wird, sondern Menschen noch immer zusammenbringt.

Fotos: Stefan Gaul u. Kinka Tadsen

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Geschrieben von: admin

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