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Dieses Schmuckstück lagert im Lübecker Fundmagazin. Foto: Marcus Golejewski/dpa
Lübeck (dpa) – Der Besucher wähnt sich im Setting eines Indiana-Jones-Films. Bis unter die Decke stapeln sich Holzkisten. Einige Exponate der archäologischen Schatzkammer Lübecks stammen aus der Antike. «Darin sind alle Funde der Grabungen seit der Initialisierung der Archäologie in der Hansestadt sozusagen abgelegt», sagt Lübecks Chef-Archäologe Dirk Rieger. Aufbewahrt wird – fast – alles, von kleinen Scherben über ganze Gefäße und Objekte bis zu Goldmünzen.
Allein auf dieser Etage des mehrgeschossigen Gebäudes im Stadtteil Schlutup lagern historische Funde auf rund 1.000 Quadratmetern Fläche. «Wenn wir jetzt jedes Objekt einzeln zählen würden, dann wären wir in einem hohen Millionenbereich», sagt Rieger. Er schätzt den Bestand auf bis zu 14 Millionen Exponate. «Das ist eines der größten Fundarchive Nordeuropas tatsächlich zur Archäologie.» Es befindet sich in einer ehemaligen NS-Munitionsfabrik, geschützt von dicken Wänden.
Knapp 7.000 Holzkisten lagern dort. Karteikarten weisen den genauen Ort, eine Fundnummer und einer Zusammenfassung des Inhalts der Kiste aus. «Es werden schon so vier Regalkilometer sein», sagt Fundmagazin-Leiter Arne Voigtmann. «Die älteste Keramik, die wir haben, stammt aus der sogenannten Trichterbecherkultur, ist ungefähr 6.000 Jahre alt.»
Fast täglich kommen neue Stücke hinzu. «Wir sind dabei, die Objekte zu digitalisieren», sagt Ingrid Sudhoff, zuständige Abteilungsleiterin der Archäologie. «Einiges ist in der Vergangenheit schon mal fotografiert worden.» Nun komme 3D-Technik zum Einsatz, um digitale Kopien zu schaffen.
Als Grund für die vielen historischen Funde Lübecks nennt Rieger den aus Ton bestehenden Boden, in dem diese sich organisch gut erhielten. Die Qualität der Funde und Befunde beispielsweise in alten Brunnen und von alten Häusern sei so gut, «dass wir hier einfach wissenschaftlich so einen riesigen Schatz haben und dokumentieren und erforschen können, der uns einfach wirklich, ja fußballtechnisch gesehen, in die Champions League katapultiert und wir nicht mehr irgendwo in der Kreisliga rumdümpeln müssen.» Deshalb stehe Lübeck mit seiner historischen Altstadt auf dem Lehrplan fast jeder Universität der Welt.
Im 17. Jahrhundert haben Lübecker Archäologen angefangen zu sammeln. Diese seien sich der besonderen Stellung der Altstadt und der Hansezeit bewusst gewesen, sagt Rieger. Lübeck habe eines der ältesten Denkmalschutzgesetze Deutschlands aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, lange bevor Schleswig-Holstein ein Landesgesetz bekommen habe. «Die richtige Archäologie in der Altstadt, und wo das richtig explizit angefangen wurde, das ging tatsächlich nach den Kriegszerstörungen los.»
Die Geschichte des heutigen Lübecks reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Der mittelalterliche Altstadtkern gehört zum Unesco-Welterbe. Der ganze Boden samt aller Bodendenkmale ist geschützt. Die Stadt bewahre nicht allein sichtbare Bauwerke, Kirchen oder Straßenzüge, sagt Rieger. «Jede Baumaßnahme, jede Leitungsverlegung, jede Neugestaltung im historischen Stadtraum berührt Schichten einer über Jahrtausende gewachsenen Stadtgeschichte.» Diese Quellen seien unwiederbringlich.
Das Fundmagazin beinhaltet so manch kostbares Stück wie ein kleines, spätgotisches Seidentäschchen. Gefunden wurde es bei Grabungen im Kaufmannsviertel, wo damals die wohlhabendsten und bedeutendsten Kaufleute lebten. Es lag in einer Kloake, der Müllgrube des Mittelalters. «Das wird wahrscheinlich als eine Art Geldbörse verwendet worden sein», sagt Voigtmann. «Das ist wirklich ein Stück, das der High Society der Stadt gehörte.» Zum Bedauern der Forscher war das Täschchen leer.
Generell zählen für Archäologen weniger klassische Schatzfunde wie Gold und Silber zu den Höhepunkten. «Gleichwohl leuchten auch unsere Augen, wenn es funkelt», sagt Rieger. Voigtmann interessierten eher die Funde, die eine Geschichte erzählten. «Das kann genauso gut ein Objekt aus Holz oder aus Keramik sein.»
Ortswechsel: In einer Halle neben dem Magazin stehen zahlreiche Türen aus der Renaissance, dem Barock sowie aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Dieses Lager sei für die Lübeckerinnen und Lübecker, denen eines der Baudenkmale gehöre, sagt Rieger. Wenn die ein altes Haus sanieren wollten, könnten sie sich dafür kostenlos eine passende Tür oder ein Fenster aussuchen. «Wir sammeln das, damit Leute einfach mit Originalbauteilen ihre Häuser sanieren können, wenn was fehlt.»
In einem anderen Teil der Halle lagern Kanonenkugeln, Teile von Innenausstattungen, Kaminen und großen Portalen von Häusern, die im Krieg zerstört wurden. Auch ein Brunnen aus dem Burgkloster findet sich dort. Er stammt aus dem 12. Jahrhundert. «Wir hätten am liebsten natürlich noch mehr Holz, aber wir können nicht jedes Stück Holz aufheben», sagt Rieger.
Lübecks Chef-Archäologen stellen sich noch immer viele Fragen zur Geschichte. «Warum explodiert dann letzten Endes diese Wirtschaftskraft in Lübeck selbst, also in dem heutigen Lübeck?» Die Stadt habe letztlich die Stelle von Haithabu bei Schleswig und anderen Vorgängersiedlungen eingenommen. «Die hören ja dann auf und Lübeck ist einfach der neue Stern am Horizont.»
Seine Kollegin Sudhoff glaubt nicht, dass alle Fragen irgendwann vollständig beantwortet werden können. «Eine beantwortet man und sofort tun sich mehrere andere wieder auf.» Vielleicht schlummert manche Antwort noch in Schlutup, in einem der Regalreihen voller Holzkisten. Dort sei nicht jeder Karton wieder geöffnet worden, sagt Rieger. «Es ist für uns tatsächlich manchmal die Ausgrabung im eigenen Magazin.»
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