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38 Jahre Wollflur auf Föhr: Gaby Brandt und ihr Mann Klaus halten noch einmal das vertraute Geschäftsschild in den Händen. Was einst mit eigenen Schafen und einem kleinen Laden im heimischen Hausflur begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer festen Adresse für Wolle, Handarbeit und friesische Tradition. Ende Oktober schließt Gaby Brandt ihr Geschäft endgültig. Foto: Stefan Gaul
Ein Schaf als Gastgeschenk, ein Geschäft im eigenen Hausflur und unzählige Begegnungen, aus denen Freundschaften wurden: 38 Jahre lang hat Gaby Brandt mit ihrem „Wollflur“ ein Stück Föhrer Handwerksgeschichte geprägt. Eigentlich sollte das Geschäft unter seinem vertrauten Namen weiterleben. Doch die geplante Übergabe scheiterte nach ihrer Darstellung kurz vor dem Ziel. Im Interview mit unserer Redaktion erzählt sie von ungewöhnlichen Anfängen, spontaner Hilfsbereitschaft und einem Abschied, der ihr schwerfällt.
Die Geschichte beginnt auf Amrum, lange bevor es einen Laden gab. Gabys Mann Klaus war damals Lehrer und Boxer. Bei einer Boxveranstaltung erhielt er von einem Gastverein ein ungewöhnliches Geschenk: ein lebendiges Schaf namens Olympia. Damit es nicht allein blieb, kam Helena dazu. Bald gab es Nachwuchs – und aus zwei Tieren wurde eine kleine Herde, die später auf bis zu 33 Schafe anwuchs.
1989 eröffnete Gaby Brandt in Toftum ihren ersten „Wollflur“. Der Name war wörtlich gemeint: In dem sechs Meter langen und zwei Meter breiten Flur ihres Wohnhauses stellte sie Regale auf und bot Wolle und Felle an. Die Schneidermeisterin brachte ihre Begeisterung für Textilien mit, die sie schon von Mutter und Großmutter kannte. Auf Amrum hatte sie außerdem in einer Handweberei das Spinnen gelernt. Dieses Können gab sie an Klaus weiter: Er verarbeitete die Wolle der eigenen Schafe zu Garn, während sie daraus Kleidungsstücke strickte.
Aus dem kleinen Anfang wurde über die Jahrzehnte ein Geschäft mit wechselnden Standorten. Nach Jahren auf Märkten eröffnete Gaby 2006 ein Ladenlokal in der Boldixumer Straße in Wyk. Anfang 2015 zog der Wollflur in die Wilhelmstraße. Neben Wolle, Strickwaren und Fellen gehörte auch die Arbeit an der traditionellen Föhrer Tracht zu ihrem Handwerk. Dabei achtete sie besonders auf die überlieferten Materialien. „Das gehört zur Kultur der Insel und das ist mir sehr wichtig, dass sie auch erhalten bleibt“, erzählt sie.
Was ihr besonders in Erinnerung bleibt, sind die Menschen. Viele Stammkunden kamen bei jedem Inselbesuch wieder, manche wurden zu Freunden. Besonders freute sich Gaby, wenn Kundinnen später mit Pullovern zurückkamen, die sie aus ihrer Wolle selbst gestrickt hatten. „Der erste Gang ist immer zum Wollflur, wenn wir auf der Insel sind“, hätten ihr Gäste oft erzählt. Solche Begegnungen, sagt sie, werde sie am meisten vermissen.
Nach 38 Jahren wollte Gaby Brandt kürzertreten. Ein Nachfolger war gefunden, und ihr größter Wunsch schien erfüllt: Der Wollflur sollte unter seinem bisherigen Namen weitergeführt werden. Doch kurz vor der für den 1. Oktober vorgesehenen Übergabe platzte die Vereinbarung. Nach Gabys Darstellung sollten wesentliche Absprachen zur Übernahme des Warenbestands und der Einrichtung nicht mehr gelten. Eine Stellungnahme des vorgesehenen Nachfolgers liegt Inselradio Föhr dazu nicht vor.
Für Gaby war das ein schwerer Schlag. Das bisherige Ladenlokal hatte sie bereits aufgegeben, nun musste sie kurzfristig eine Lösung für die gesamte Einrichtung und die verbliebenen Waren finden. Sie beschreibt den Moment als einen, in dem ihr der Boden unter den Füßen weggezogen worden sei. Wie sehr sie die Ereignisse belasteten, schildert sie im Gespräch sehr offen.
Eine Lösung für die Übergangszeit fand sich gleich nebenan: In der Wilhelmstraße 8 konnte Gaby kurzfristig ein anderes Ladenlokal nutzen. Freunde und Nachbarn packten mit an, trugen Waren und Einrichtung hinüber und richteten alles wieder ein. Nach ihrer Erinnerung dauerte der gesamte Umzug nur einen Tag und drei Stunden.
„Wir hatten eine Solidarität hier, das war wirklich grenzenlos“, sagt Gaby. Besonders dankbar ist sie ihren Freundinnen, die im neuen Laden alles wieder auspackten. Dass sie ihren Wollflur noch für einige Wochen öffnen konnte, verdankt sie auch dieser spontanen Unterstützung. Ende Oktober soll nun endgültig Schluss sein.
Ihre eigenen Schafe haben Gaby und Klaus inzwischen nicht mehr. Nach der Schließung möchte sie vor allem eines: zur Ruhe kommen. Einen Abschied hatte sie sich anders vorgestellt. „Das wäre schön gewesen, wenn der Wollflur so wie in meinem Sinne weitergeführt worden wäre“, sagt sie. Dass daraus nichts wurde, schmerzt.
Trotzdem bereut sie die vergangenen Jahrzehnte nicht. Auf die Frage, was sie ihrem jüngeren Ich mit auf den Weg geben würde, antwortet sie ohne Zögern: „Ich würde es genauso wieder machen. Auf jeden Fall.“
Und wenn sie die Ladentür zum letzten Mal hinter sich schließt? Da muss Gaby Brandt kurz überlegen. Dann sagt sie einen Satz, der zeigt, wie viel ihr der Wollflur bedeutet: „Ich denke schon, dass die Tränen fließen.“

Reporter & Redaktion | Inselradio Föhr
Stefan Gaul ist mit Mikrofon, Kamera und Notizblock auf Föhr unterwegs. Als Gründer und Betreiber vom Inselradio Föhr berichtet er als Radiomoderator und Reporter über das Leben auf der Insel. Besonders am Herzen liegen ihm die Menschen und ihre Geschichten – von den kleinen Momenten des Alltags bis zu den großen Themen, die Föhr bewegen. Ein besonderes Interesse gilt auch der Blaulichtberichterstattung und der Arbeit von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten. Seit 2026 schreibt er als freier Mitarbeiter für den Insel-Boten. Er ist überzeugt, dass sich durch die journalistische Zusammenarbeit noch aktueller und vielfältiger über das Geschehen auf den Inseln berichten lässt.
Geschrieben von: admin
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