Inselradio Föhr Friesische Karibik für die Ohren
todaySeptember 9, 2026 62 13 5
Ein Leben, das seit Jahrzehnten vom Meer geprägt ist: Detlef Jens stellte bei Föhr erLesen 2026 seinen Roman „Gefährliche Gezeiten“ vor und sprach zuvor mit unserer Redaktion über die Geschichten hinter seinen Büchern.
Detlef Jens war Matrose in der Karibik, nahm am Fastnet Race teil, lebte auf Schiffen und arbeitete jahrzehntelang als Journalist. Bei Föhr erLesen 2026 stellte er „Gefährliche Gezeiten“ vor und erzählte unserer Redaktion, wie aus seinem maritimen Leben die Geschichten um Yachtdetektiv Fabian Timpe entstanden.
Es gibt Menschen, die schreiben über das Meer. Und es gibt Menschen, bei denen das Meer längst Teil der eigenen Lebensgeschichte geworden ist. Bei Detlef Jens ist die Grenze ziemlich eindeutig: Er arbeitete als junger Mann auf einem Dreimastschoner in der Karibik, erlebte 1979 das legendäre Fastnet Race, war jahrelang mit der eigenen Segelyacht unterwegs, lebte mit seiner Familie auf historischen Museumsschiffen und arbeitete parallel als Journalist, Chefredakteur und Magazinmacher. Irgendwann fanden all diese Erfahrungen ihren Weg in seine Bücher. Am Sonntagabend war Jens im Rahmen von Föhr erLesen 2026 im Wyker Kurgartensaal zu Gast und stellte gemeinsam mit Moderator Nikolaus von der Lancken seinen Roman „Gefährliche Gezeiten“ vor. Kurz vor der Veranstaltung hatte unsere Redaktion Gelegenheit, den Autor im Kaminzimmer zu treffen – und dabei wurde schnell deutlich, dass hinter seinem Yachtdetektiv Fabian Timpe viel mehr Wirklichkeit steckt, als man zunächst vermuten würde.
Ganz unbekannt war Föhr für Detlef Jens bei seiner Ankunft nicht. Vor vielen Jahren hatte ihn bereits ein journalistischer Auftrag auf die Insel geführt. Für das Hamburger Abendblatt schrieb er damals die Serie „Kleine Fluchten“ über besondere kleine Privathotels in Wochenendentfernung von Hamburg und übernachtete dabei nach seiner Erinnerung im „Alten Pastorat“. Viel sei davon inzwischen nicht mehr präsent, weshalb sich Föhr dieses Mal wieder neu und spannend anfühle. Viel Zeit zum Erkunden blieb vor der Lesung allerdings nicht. Die Anfahrt mit der Fähre beobachtete Jens erwartungsgemäß mit den Augen eines Seemanns, anschließend schaute er sich den Wyker Yachthafen an und besuchte das Friesen-Museum. Auch bei einer Nordseeinsel interessiert ihn zunächst, was andere Urlauber vermutlich weniger beschäftigt: Wie sieht die Ansteuerung aus? Wie kommt man mit dem eigenen Schiff hinein? Und ist der Hafen unabhängig von der Tide erreichbar? Danach kommen für ihn die mindestens ebenso wichtigen Fragen: Was ist im Hafen los – und wo befinden sich die guten Hafenkneipen?
Woher diese außergewöhnlich starke Verbindung zum Wasser kommt, kann Jens selbst kaum erklären. „Das ist angeboren, glaube ich“, sagt er. Mit dem Segeln begann er als Junge, kurz nach dem Abitur folgte dann ein Erlebnis, das durchaus als Grundstein für sein weiteres Leben gelten kann. 1977 und 1978 arbeitete er als Matrose auf einem Dreimastschoner und segelte durch die südliche Karibik. Auf die Frage, was damals für ein junger Mann an Bord ging und welcher anschließend zurückkehrte, muss er lachen. „Ein schüchterner junger Mann ging an Bord und ein doch um einige Erfahrungen – die breite ich hier nicht aus – reicherer ging wieder von Bord.“ Schon damals entstand die Vorstellung, irgendwann dauerhaft auf einem Schiff zu leben, damit unterwegs zu sein und gleichzeitig vom Schreiben leben zu können. Bis dieser Wunsch tatsächlich Wirklichkeit wurde, dauerte es noch eine Weile.
1979 folgte ein Erlebnis, das in der Segelwelt bis heute mit einer Katastrophe verbunden ist: Jens nahm am Fastnet Race teil, das in jenem Jahr von einem schweren Sturm getroffen wurde und Menschenleben forderte. Angst habe er währenddessen nicht bewusst empfunden. Dafür sei kaum Zeit gewesen, außerdem sei er der Jüngste an Bord gewesen und habe sehr erfahrene Segler und Skipper um sich gehabt, die die Situation weitgehend souverän meisterten. Die tatsächliche Dimension des Geschehens begriff er erst später. Als seine Crew Plymouth erreichte, erfuhren sie nach und nach, was anderen Teilnehmern in jener Nacht widerfahren war. Erst dort kamen die Berichte über die Menschen an, die während des Rennens ums Leben gekommen waren. „Der richtige Schock kam dann erst so ein paar Tage später“, erinnert sich Jens.
Das Leben auf dem Wasser ließ ihn danach nicht mehr los. Später war er über Jahre mit einer eigenen Segelyacht unterwegs und arbeitete von Bord aus als Journalist. Was für andere nach einem permanenten Provisorium klingen mag, beschreibt Jens als nahezu ideale Form des Reisens: Man zieht ständig um und nimmt trotzdem sein Zuhause mit. Selbst wenn das Schiff vor Marokko, in Afrika oder irgendwo anders liegt, bedeutet die Rückkehr an Bord für ihn immer wieder Heimkommen. „Zuhause ist immer schon Gefühl“, sagt Jens. Ein stark ortsgebundenes Heimatverständnis habe er ohnehin nie entwickelt. Schon als Kind lebte er zeitweise in London, später folgten zahlreiche weitere Orte.
Auch eine eigene Familie bedeutete zunächst keineswegs automatisch das Ende dieses Lebens. Mit der Mutter seiner Kinder hatte Jens zuvor bereits auf einem Schiff gelebt und während Reisen durch Holland, England und Frankreich immer wieder große historische Wohnschiffe gesehen. Als die ersten Kinder kamen und die Familie nach Hamburg zurückkehrte, erschien der klassische Wechsel vom Schiff in eine Etagenwohnung wenig verlockend. Die Lösung war entsprechend ungewöhnlich: Die Familie lebte zeitweise auf zwei historischen Museumsschiffen in Hamburg. Für Jens war das keineswegs irgendein exzentrisches Experiment, sondern schlicht eine wunderbare Lebensform. Erst mit dem dritten Kind endete dieses Kapitel aus anderen praktischen Gründen.
Eine Phase mit mehr Leben an Land folgte in Flensburg, wo Jens seine drei Kinder mit großzog. Inzwischen sind alle erwachsen – und damit hat sich auch sein eigener Alltag wieder verändert. Seit etwa drei Jahren lebt er erneut überwiegend an Bord. Unmittelbar vor seinem Besuch auf Föhr kam er aus der Bretagne, wo sein Schiff derzeit liegt. Andere Winter verbrachte er beispielsweise mit dem Schiff in London oder zuletzt in Aarhus. Gerade der Kontrast fasziniert ihn: mitten in einer Großstadt zu liegen und gleichzeitig seinen eigenen kleinen Kosmos auf dem Wasser zu haben. „Du bist in deinem kleinen Kosmos, aber hast einfach diese Millionenstadt zu Füßen liegen“, beschreibt er das Gefühl. Vielleicht sei es genau diese Mischung, die ihn bis heute reizt – ein wenig am Rand der Gesellschaft zu leben und trotzdem mittendrin zu sein, gleichzeitig unabhängig und doch mit allem verbunden.
Parallel zum Segeln blieb das Schreiben die zweite große Konstante. Jens arbeitete unter anderem für GEO, Stern und Die Zeit, gründete Magazine und war als Chefredakteur tätig. Was ihn am Geschichtenerzählen fasziniert, kann er kaum auf einen einzigen Punkt reduzieren. Es gebe schlicht unendlich viele Geschichten, sagt er. Durch das Erzählen könne man Dinge lebendig erhalten und weitergeben. Für ihn sei das ohnehin nie etwas Außergewöhnliches gewesen: „Ich bin damit groß geworden. Ich habe halt nie was anderes gemacht.“
Irgendwann reichten Detlef Jens die wahren Geschichten trotzdem nicht mehr. Wie bei vielen Journalisten habe auch bei ihm der Wunsch bestanden, ein Buch zu schreiben – für ihn eine Art „Königsdisziplin“. Doch selbst der Schritt in die Fiktion führte ihn nicht besonders weit von der Wirklichkeit weg. Denn Fabian Timpe, der Yachtdetektiv seiner Romanreihe, hat ein reales Vorbild. Ein guter Freund von Jens arbeitete in den 1980er- und 1990er-Jahren tatsächlich für Versicherungen als Yachtdetektiv. Immer wieder saßen die beiden beispielsweise abends bei einem Glas Wein in Südfrankreich zusammen und sprachen über dessen Fälle. Einige davon verarbeitete Jens zunächst journalistisch. Irgendwann entstand die Erkenntnis: Dieses Material ist eigentlich Romanstoff.
Aus dem realen Vorbild entwickelte sich schließlich Fabian Timpe, wobei sich die Figur mit der Zeit natürlich immer weiter von ihrem Ursprung entfernte und ein eigenes literarisches Leben bekam. 2019 erschien mit „Black Jack“ der erste Band. Interessanterweise war der Stoff ursprünglich sogar als Fernsehserie gedacht. Jens hatte nach einer längeren Segelphase eine Drehbuchausbildung in Hamburg-Ottensen absolviert und das Konzept zunächst für den Bildschirm entwickelt. Am Ende wurde daraus ein Buch – und Fabian Timpe bekam weitere Fälle.
Jens selbst nennt die Reihe zwar Yacht-Krimis, weist aber darauf hin, dass es sich nicht um klassische Kriminalromane handelt. Neben dem eigentlichen Fall gebe es in jedem Buch ein übergeordnetes Thema, über das die Leser etwas erfahren. Genau das spielt bei dem Roman eine entscheidende Rolle, den er am Sonntag auf Föhr mitgebracht hatte.
In „Gefährliche Gezeiten“ verbindet Jens die Bretagne mit Flensburg und einer Geschichte, die ihn während seiner Jahre dort nicht mehr losließ. Erst als er in Flensburg lebte, habe er sich intensiver damit beschäftigt, was sich dort unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs ereignete. Die letzte Reichsregierung unter Großadmiral Karl Dönitz hatte sich im Raum Flensburg eingerichtet. Gleichzeitig wurden noch Soldaten und Matrosen wegen angeblicher Desertion getötet, obwohl der Krieg bereits beendet war. Dass Angehörige zum Teil erst viele Jahre später erfuhren, was tatsächlich geschehen war, beschäftigte Jens nachhaltig.
Aus diesem historischen Hintergrund entwickelte er die Geschichte seines Romans. Ohne den gesamten Plot vorwegzunehmen, verbindet „Gefährliche Gezeiten“ ein Familienschicksal aus der Nachkriegszeit mit Ereignissen in der Bretagne. Dort soll eine Holzbootwerft ein historisches deutsches Segelschiff aus den 1930er-Jahren restaurieren. Das Schiff geht in Flammen auf – und weil es bei jener Yachtversicherung versichert ist, für die Fabian Timpe als Ermittler arbeitet, beginnt dessen Suche nach den Hintergründen. Stück für Stück kommt eine Familiengeschichte ans Licht, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet.
Jens selbst bezeichnet das historische Thema als traurig, aber wichtig. Gleichzeitig wollte er keinen ausschließlich düsteren Roman schreiben. Die französische Lebensart und Lebensfreude der Bretagne nehmen ebenfalls viel Raum ein – nicht zuletzt, weil sie dem Autor selbst sehr nah sind. Genau diese Mischung brachte er am Sonntagabend gemeinsam mit Nikolaus von der Lancken auf die Bühne des Kurgartensaals. Eine klassische Lesung sollte es ausdrücklich nicht werden. Von der Lancken ist selbst Segler, und Jens scherzte vor Beginn, dass die beiden vermutlich problemlos den ganzen Abend nur übers Segeln reden könnten. Da nicht jeder Besucher im Saal Segler sei und zwischendurch schließlich auch aus dem Buch gelesen werden müsse, sollte es eine Mischung aus Lesung und persönlichem Gespräch werden.
Am Ende unseres Gesprächs blieb deshalb noch eine Frage, die angesichts dieses Lebens fast zwangsläufig war: Was hat ihm das Meer über all die Jahrzehnte gegeben, das er an Land nicht gefunden hätte? Eine schnelle, pathetische Antwort wollte Jens darauf nicht liefern. „Es gibt einfach Menschen, die brauchen das Meer“, sagte er schließlich. Für ihn gehöre er offensichtlich dazu. Einen Winter habe er einmal für einen beruflichen Auftrag im französischen Binnenland nahe Grenoble verbracht. Solange Winter war und er Ski fahren konnte, habe ihm das durchaus gefallen. Als der Frühling kam, musste er jedoch zurück zum Wasser – und zu seinem Boot, das in Hamburg auf ihn wartete.
Vielleicht liegt die Antwort deshalb weniger im Meer selbst als in der besonderen Form des Lebens darauf. Jens beschreibt das Dasein an Bord als einen kleinen eigenen Kosmos: ein Stück weit außerhalb gewöhnlicher Strukturen und trotzdem mitten im Geschehen, beweglich, unabhängig und mit dem eigenen Zuhause immer dabei. Selbst Metropolen erlebt er auf diese Weise anders. London, Aarhus oder andere Städte werden vom Wasser aus gleichzeitig Reiseziel und vorübergehende Heimat. Und irgendwann formuliert er dann doch den einen Satz, der wahrscheinlich mehr über Detlef Jens erzählt als eine lange philosophische Erklärung: „Ohne Meer geht für mich gar nichts.“
Vielleicht ist genau deshalb bei seinen Büchern manchmal schwer auszumachen, wo das außergewöhnliche wirkliche Leben endet und die erfundene Geschichte beginnt. Der Matrose auf dem Dreimastschoner, der junge Teilnehmer des Fastnet Race, der Journalist auf der eigenen Segelyacht, der Familienvater auf historischen Museumsschiffen und der Autor eines Yachtdetektivs gehören schließlich zur selben Biografie. Am Sonntagabend kam ein weiteres kleines Kapitel hinzu: eine Nordseeinsel, ein Kaminzimmer, eine Lesung im Wyker Kurgartensaal – und mit „Gefährliche Gezeiten“ eine Geschichte, die zwar von Föhr wegführt, aber an einem Ort erzählt wurde, an dem Detlef Jens sich offensichtlich ziemlich schnell zurechtfindet: direkt am Meer.
Fotos: Stefan Gaul
Geschrieben von: admin
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