AD

Inselnews

Nach Einbruch in Goldschmiede auf Föhr: Ilke Engeland dankt für große Anteilnahme

todaySeptember 15, 2026 302 150 5

Hintergrund
share close
Werbung

„Man ist hier nicht allein“: Warum Ilke Engeland nach dem Einbruch vor allem Danke sagen möchte

Wenige Tage nach dem Einbruch in ihre Goldschmiede in Wyk spricht Ilke Engeland über die Tat, den Verlust eines einzigartigen Opals und vor allem über die überwältigende Anteilnahme auf Föhr.

Die dumpfen Schläge hört sie noch immer. Wenn nachts draußen plötzlich ein lautes Geräusch zu hören ist, sind ihre Ohren sofort „ganz weit auf“, wie Ilke Engeland selbst sagt. Dann steht sie auf und schaut nach. Wenige Tage sind erst vergangen, seit zwei Täter gegen 3.30 Uhr in ihre Goldschmiede in der Wyker Mittelstraße eingebrochen sind. Sie selbst wurde in ihrer Wohnung direkt über dem Geschäft durch den Lärm geweckt und beobachtete einen Teil der Tat vom Fenster aus. Schmuck im Wert von mehreren Tausend Euro verschwand, darunter ein für Engeland ganz besonderes Einzelstück. Und trotzdem ist es bei unserem erneuten Besuch nicht der materielle Schaden, über den die Goldschmiedin am längsten sprechen möchte. Es sind die Menschen, die danach da waren: Nachbarn, Freunde, Kunden, Kollegen, Polizei und Handwerker. Menschen, die Essen und Kaffee brachten, Blumen vorbeischickten, Nervennahrung abgaben, anriefen, schrieben oder einfach fragten, wie es ihr geht. Ausgerechnet nach einer Nacht, die ihr Sicherheitsgefühl auf der Insel erschüttert hat, hat Engeland deshalb auch etwas erlebt, das dieses Gefühl auf eine andere Art wieder stärkt. „Man ist hier halt nicht allein“, sagt sie. Für die Goldschmiedin ist genau das inzwischen die vielleicht wichtigste Geschichte der vergangenen Tage.

Die dumpfen Schläge bekommt sie noch nicht ganz aus dem Kopf

In der Einbruchsnacht lag ihr Kater auf ihrem Bauch, als Engeland von lauten, dumpfen Schlägen aus dem Schlaf gerissen wurde. Im ersten Moment wusste sie nicht, woher die Geräusche kamen. Doch schnell wurde klar: Sie kamen aus ihrem eigenen Haus. Engeland sprang auf, lief aus dem nach hinten gelegenen Schlafzimmer in Richtung Wohnzimmer und öffnete das Fenster unmittelbar über dem Eingang ihres Geschäfts. Unten stand eine dunkle Gestalt, während die Schläge weitergingen. „Diese Geräusche, die höre ich halt immer noch so“, erzählt sie heute. Sie schrie den Mann laut an, forderte die Täter auf zu verschwinden und rief nach der Polizei – doch davon ließen sie sich offenbar nicht beeindrucken. Angst sei in diesem Moment erstaunlicherweise nicht das bestimmende Gefühl gewesen. „Totale Hilflosigkeit“, beschreibt Engeland es rückblickend. Selbst der Notruf, eine Handlung, über die man normalerweise nicht nachdenken muss, wurde plötzlich zur Herausforderung. Sie hielt ihr Handy in der Hand, doch in der Aufregung öffnete sich immer wieder irgendeine andere Anwendung statt des Tastenfeldes. Darüber habe sie sich im Nachhinein sogar über sich selbst geärgert.

Werbung

Die Täter waren zuvor gewaltsam in die Goldschmiede eingedrungen und griffen offenbar gezielt nach Goldschmuck. Weniger wertvolle Silberarbeiten blieben zurück, ebenso einige besonders kostbare Stücke. Einen vollständigen Überblick über das Fehlende konnte sich Engeland erst am folgenden Tag verschaffen. Zunächst musste geklärt werden, ob weitere Spurensicherungsmaßnahmen erfolgen würden. Im Verkaufsraum stellte sie schließlich fest, dass einige heruntergerissene Stücke liegen geblieben waren, während andere fehlten. Die Polizei sprach zunächst von mehreren gestohlenen Goldringen und einem Schaden von mehreren Tausend Euro. Für Engeland lässt sich der Verlust allerdings nicht ausschließlich in Euro beziffern. Sie entwirft ihre Schmuckstücke selbst, sucht die Steine aus und fertigt daraus Unikate. Natürlich seien diese Arbeiten zum Verkauf bestimmt. „Ein Stück weit löse ich mich schon damit, indem ich ein Preisschild dran mache“, sagt sie. Doch bei einem der gestohlenen Stücke funktioniert das nicht.

Ein einzigartiger Opal – und ein Verlust, den kein Geldbetrag beschreibt

Besonders schmerzt Engeland der Verlust eines Opals, aus dem sie ein einmaliges Schmuckstück geschaffen hatte. Solche Steine sind Naturprodukte, kein Exemplar gleicht dem anderen. Dieser eine hatte sie sofort fasziniert. Sein intensives Farbspiel erinnerte sie an das Changieren eines Schmetterlingsflügels. „Der ist nicht ersetzbar. Jeder Opal ist einzigartig“, sagt die Goldschmiedin. Genau deshalb trifft sie die Vorstellung, dass ein solches Stück möglicherweise lediglich wegen weniger Gramm Gold zerstört wird. Der Stein könnte herausgeschlagen, die von ihr gefertigte Arbeit eingeschmolzen werden. „Da blutet mir total das Herz.“ Hier bekommt der Begriff „Wert“ eine andere Bedeutung: Auf der einen Seite steht der Verkaufswert, auf der anderen die Zeit, die handwerkliche Arbeit und ein Stein, den es in genau dieser Form kein zweites Mal gibt.

Im Alltag schafft Engeland es inzwischen trotzdem, das Erlebte weitgehend auszublenden. Wenn sie tagsüber in ihrem Geschäft arbeitet, könne sie sich gut ablenken. Nachts sieht es noch etwas anders aus. Die Nächte seien unruhiger geworden, bei einem lauten Knall draußen werde sie schneller aufmerksam. Auch beim Gang durch die Straßen erwische sie sich gelegentlich bei Gedanken, die sie vorher nicht gehabt habe: Könnte dieser Mensch etwas mit der Tat zu tun haben? Engeland merkt selbst, dass der Einbruch etwas mit ihrem Sicherheitsgefühl gemacht hat – und hofft gleichzeitig, dass dieses Misstrauen wieder verschwindet. Sie möchte sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen. „Ich würde auch nach wie vor nachts hier durch die Straßen gehen“, sagt sie. Vorsichtiger ist sie dennoch geworden. Nach Geschäftsschluss wird der Schmuck nun konsequenter aus den Auslagen genommen; für die Nacht gibt es eine eigene „Nachtdeko“. Das ist die praktische Konsequenz aus dem Einbruch. Eine andere Konsequenz soll es ausdrücklich nicht geben: dass sie Menschen grundsätzlich mit Argwohn begegnet.

Erst kam der Schock – dann kamen die Menschen

Denn praktisch gleichzeitig mit dem Einbruch begann eine zweite Geschichte. Schon in derselben Nacht erlebte Engeland, wie schnell auf Föhr Menschen füreinander da sein können. Eine Polizistin organisierte einen Tischler, der zu einer, wie Engeland es nennt, „wirklich unchristlichen Zeit“ in die Mittelstraße kam und die beschädigte Eingangstür zunächst provisorisch verschloss. Nachbarn kümmerten sich um sie, später kamen immer mehr Gesten hinzu. Von Schlachter Friedrichs erreichte sie Spargelsuppe, Kaffee wurde ihr spendiert, Blumensträuße wurden vorbeigebracht und die Menge an Süßigkeiten und anderer Nervennahrung nahm irgendwann solche Ausmaße an, dass Engeland heute schon wieder darüber scherzen kann: „Mein Diätplan ist hinüber.“

Werbung

Hinter diesem Humor steckt große Dankbarkeit. Es waren nicht allein enge Freunde, die sich meldeten. Kunden, Kollegen, Nachbarn und weitere Föhrerinnen und Föhrer riefen an, schrieben Nachrichten, kamen vorbei oder sprachen sie auf der Straße an. „Das war unheimlich berührend und hat mich mit sehr viel Dankbarkeit erfüllt“, sagt Engeland. Besonders getroffen habe sie der Respekt, den ihr jemand dafür ausgesprochen habe, dass sie sich nicht unterkriegen lasse. Da habe sie gedacht: „Okay, ja, der richtige Weg ist der richtige.“ Und so wurde ausgerechnet nach einem Erlebnis, das Zweifel am gewohnten Sicherheitsgefühl aufkommen ließ, ein anderes Gefühl wieder besonders stark. „Das Netz hier funktioniert“, beschreibt Engeland es. Man denke aneinander, passe aufeinander auf und frage auch einfach einmal, ob jemand etwas brauche oder reden wolle. „Das ist eine riesige Welle.“

Für sie steckt darin etwas, das Föhr trotz aller Veränderungen und trotz mancher negativen Nachricht noch immer auszeichnet. „Man ist hier halt nicht allein.“ Natürlich kenne das Leben in einer kleinen Inselgemeinschaft auch die andere Seite, fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu: Man sei eben auch nicht unbeobachtet. Aber wenn es darauf ankomme, werde man gesehen und Menschen kümmerten sich umeinander. „Das ist für mich dann der Zusammenhalt auf der Insel.“

Beitrag anhören
Inselradio Föhr
0:00 0:00
Audiodatei direkt öffnen

„Wir sollen gastfreundlich und weltoffen bleiben“

Genau deshalb möchte Engeland einige Tage nach dem Einbruch nicht mit Angst, Wut oder dem Wert des gestohlenen Schmucks enden. Als wir ihr zum Abschluss das Mikrofon noch einmal überlassen und sie direkt fragen, was sie all den Nachbarn, Freunden, Kunden und Kollegen sagen möchte, die sich seit der Tat bei ihr gemeldet haben, muss sie zunächst nach Worten suchen. „Erst mal bin ich sprachlos, auch eben sprachlos ob dieser Anteilnahme.“ Es seien inzwischen so viele Menschen gewesen, dass sie bei einer Aufzählung zwangsläufig jemanden vergessen würde. Deshalb richtet sie ihren Dank an alle: „Ganz, ganz lieben Dank.“

Dann folgt ein Gedanke, der ihr mindestens genauso wichtig ist. Engeland möchte nicht, dass aus dem Einbruch pauschales Misstrauen entsteht. „Wir dürfen uns nicht unterkriegen“, sagt sie. Und sie warnt ausdrücklich davor, nach einer solchen Tat Menschen vorschnell zu verdächtigen oder ganze Gruppen zu verurteilen. Für sie soll Föhr auch nach dieser Erfahrung das bleiben, was die Insel für sie bislang war: ein Ort, an dem Menschen offen aufeinander zugehen. „Wir sollen gastfreundlich und weltoffen bleiben.“

Die Nacht hat Spuren hinterlassen. Ilke Engeland hört momentan genauer hin, wenn es draußen laut wird. Sie räumt ihren Schmuck am Abend anders weg als früher. Und der Verlust des einzigartigen Opals schmerzt sie vermutlich noch lange. Doch die Tage danach haben ihr gleichzeitig gezeigt, dass auch etwas anderes geblieben ist: Menschen, die mitten in der Nacht helfen, Nachbarn, die vor der Tür stehen, Freunde und Kunden, die anrufen – und sogar Spargelsuppe, Blumen und viel zu viel Nervennahrung. „Das ist eben Föhr“, sagt Engeland. Nach den vergangenen Tagen weiß sie wieder ganz genau, was sie damit meint.

Fotos: Stefan Gaul

Werbung

Geschrieben von: admin

Rate it

Beitrags-Kommentare (0)

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet


Wetter
Wyk auf Föhr, DE16°CBewölkt
Mi.14° / 17°C
Do.14° / 16°C
Fr.15° / 17°C
Weather data by MET Norway
Rechtliches
Dedications
Iris Christiansen Ocke Hansen - Südstrand von Wyk Ihr macht das täglich so Klasse lieben eure Musik und Programm 🙂

Nutzt unsere Inselradio Föhr App