Inselradio Föhr Friesische Karibik für die Ohren
todaySeptember 3, 2026 175 32 5
Kurz vor dem Start von Föhr erLesen war Gesa Hering aus dem Organisationsteam bei uns im Studio zu Gast und gab einen Einblick in die rund 40 Veranstaltungen der diesjährigen Festivalausgabe.
Am Freitag startet Föhr erLesen 2026. Bis zum 13. September warten rund 40 Veranstaltungen auf der ganzen Insel. Gesa Hering aus dem Organisationsteam verrät im Inselradio-Föhr-Interview, was Besucher erwartet und welchen Programmpunkt sie selbst besonders spannend findet.
Lesungen im Kurhaus und im Museum, Geschichten während einer Busfahrt, Literatur auf der Mittelbrücke, Musik unter dem Sternenhimmel, Wissenschaft rund um Nordsee und Wattenmeer und sogar „Gezeiten auf dem Teller“: Wenn am Freitag, 4. September, die sechste Ausgabe von Föhr erLesen beginnt, wird Literatur wieder an den unterschiedlichsten Orten der Insel erlebbar. Bis zum 13. September stehen rund 40 Veranstaltungen auf dem Programm. Das diesjährige Motto könnte dabei kaum besser zu Föhr passen: „GEZEITEN – Im Rhythmus von Ebbe und Flut“. Einen Tag vor dem Start war Gesa Hering aus dem Organisationsteam bei uns im Inselradio-Föhr-Studio zu Gast und hat erzählt, warum aus einer ursprünglich viel kleineren Idee inzwischen ein Festival geworden ist, für das sich sogar Verlage von sich aus auf Föhr melden – und welche Veranstaltung sie selbst in diesem Jahr auf keinen Fall verpassen möchte.
Eigentlich hatte sich das Organisationsteam vorgenommen, Föhr erLesen diesmal etwas kleiner zu halten. „Wir haben eigentlich gedacht, fünf Tage reichen“, erzählte Gesa Hering bei uns im Studio und musste selbst darüber lachen, was daraus geworden ist. Vom 4. bis einschließlich 13. September erstreckt sich das Festival nun wieder über zehn Kalendertage – mit rund 40 einzelnen Programmpunkten. Dabei reicht das Spektrum längst weit über klassische Autorenlesungen hinaus. Literatur trifft auf Musik, Wissenschaft, Film, Naturerlebnisse, Kulinarik und ungewöhnliche Veranstaltungsorte.
Dass Föhr erLesen inzwischen zum sechsten Mal stattfindet, war bei den Anfängen keineswegs selbstverständlich. Eine große Vorstellung davon, wohin sich das Festival einmal entwickeln könnte, habe es zunächst gar nicht gegeben, erinnert sich Hering. Ausgangspunkt sei vor allem die Freude daran gewesen, gemeinsam mit der Wyker Autorin Sabine Nielsen etwas rund um Bücher und Literatur auf die Beine zu stellen. „Und daraus wurde dann immer ein bisschen mehr.“ Wie sehr sich das Festival inzwischen etabliert hat, merkt das Organisationsteam mittlerweile auf eine ganz besondere Weise: In den ersten Jahren mussten die Verantwortlichen selbst nach Autorinnen und Autoren suchen. Heute läuft es teilweise umgekehrt. „Jetzt kommt es so, dass Verlage uns fragen, ob die hier lesen dürfen“, berichtet Hering. Passt ein Vorschlag zum jeweiligen Jahresthema, kann daraus eine Veranstaltung entstehen. Trotzdem möchte das Team die Auswahl weiterhin bewusst selbst gestalten.
Nach „Sturm und Stille“ im vergangenen Jahr sollte es diesmal um Veränderung und Wechsel gehen. Daraus entstand bei einem gemeinsamen Brainstorming im November das Motto „GEZEITEN – Im Rhythmus von Ebbe und Flut“. Natürlich liegt bei einer Nordseeinsel zunächst der Gedanke an das Wasser nahe. Genau darauf möchte das Organisationsteam das Thema aber nicht beschränken. „Alles hat seine Zeit, alles kann kommen, alles kann gehen – und darin bewegen wir uns“, beschreibt Gesa Hering den Gedanken dahinter. Auch der Name Föhr erLesen sei bewusst weiter gefasst. „Erlesen“ stehe eben nicht ausschließlich für das Lesen selbst, sondern auch für etwas Besonderes und Ausgewähltes. Dadurch lässt sich das diesjährige Motto in ganz unterschiedliche Richtungen interpretieren: Es geht um das Meer und seine Veränderungen, aber ebenso um Lebenswege, Freundschaften, Aufbruch, Abschied, gesellschaftlichen Wandel und persönliche Erfahrungen. Genau diese Offenheit zieht sich durch das gesamte Programm der kommenden zehn Tage.
Los geht es am Freitag im Kurgartensaal in Wyk. Bereits um 16 Uhr steht dort die Verleihung des Geschichten-Preises für Föhrer Grundschulkinder auf dem Programm. Bestseller-Autorin Beatrix Gerstberger hält die Laudatio für die jungen Nachwuchsautorinnen und -autoren. Um 19 Uhr folgt die Verleihung des Föhrer Lyrikpreises und anschließend die moderierte Lesung „Die Hummerfrauen“ mit Gerstberger. Die Moderation auf dem Podium übernimmt Insel-Bote-Redakteur Jörg Brökel. Dass Gerstberger für den Auftakt ausgewählt wurde, passt nach Ansicht des Organisationsteams hervorragend zum diesjährigen Thema. Gleichzeitig bringt die Autorin ganz aktuell einen neuen Roman mit auf die Insel.
Für Gesa Hering ist die Begegnung ebenfalls spannend. Kennengelernt hat sie Gerstberger zunächst digital bei der gemeinsamen Juryarbeit für den Schülerwettbewerb. Zusammen wurden die diesjährigen Beiträge bewertet und die vorderen Plätze ausgewählt. Der Wettbewerb selbst beschäftigt das Organisationsteam allerdings auch über dieses Festival hinaus. Während im vergangenen Jahr noch 49 Einsendungen eingingen, waren es diesmal 19. Warum die Beteiligung so deutlich zurückgegangen ist, möchte das Team gemeinsam mit den Schulen untersuchen. An der Qualität und Kreativität der eingereichten Geschichten mangele es jedenfalls nicht. Gerade die Ideen und die Offenheit der Kinder aus den dritten und vierten Klassen begeistern Hering immer wieder.
Bei rund 40 Veranstaltungen fällt die Auswahl naturgemäß schwer. Auf die Frage nach ihrem ganz persönlichen Höhepunkt musste Gesa Hering bei uns im Studio trotzdem nicht lange überlegen: „Die Reise unseres Lebens“ am Montagabend um 19 Uhr im Haus des Gastes in Nieblum. Lovis Wiefelspütz und Alexander Källner erzählen dort von Freundschaft, Inklusion und Abenteuerlust. Dass Hering gerade diese Veranstaltung besonders interessiert, hat einen persönlichen Hintergrund. Sie selbst kommt beruflich aus der Arbeit mit Menschen mit Handicap. Entsprechend gespannt sei sie darauf, welche Erfahrungen die beiden von ihren Reisen mitbringen und wie Inklusion in anderen Ländern gelebt wird. „Das ist für mich so ein persönliches Highlight“, sagt sie. Gerade solche unterschiedlichen Perspektiven gehören für das Organisationsteam zum Konzept von Föhr erLesen: Eine Veranstaltung muss nicht zwangsläufig nur deshalb ins Programm passen, weil irgendwo das Meer vorkommt. Auch Veränderungen im Leben und in der Gesellschaft gehören zu den „Gezeiten“, die das Festival in diesem Jahr erzählen möchte.
Besonders umfangreich ist diesmal der Bereich „Zwischen Meer und Himmel“. Sternenlotse Holger Everding nimmt Besucher gleich bei mehreren Veranstaltungen mit hinaus in die Nacht und zugleich gedanklich weit über Föhr hinaus. Am Sonntag beginnt um 21 Uhr eine Sternenwanderung in Wyk, am Montag folgt in Utersum nach Sonnenuntergang eine weitere. Zuvor spricht Everding dort um 19 Uhr unter dem Titel „Von Föhr bis ans Ende der Welt“ über eine Reise durch unser Sonnensystem. Am Dienstag geht es im Upstalsboom unter anderem um „Eine Reise von Föhr ins Universum“. Besonders atmosphärisch dürften die musikalischen Abende unter freiem Himmel werden. Am Dienstag um 21 Uhr begleiten Tatjana Pavlenko und Birgit Wildeman die Veranstaltung „Musik unterm Sternenhimmel“ am Upstalsboom/Sydbar, am Mittwoch folgt eine weitere Ausgabe mit Everding und den beiden Musikerinnen im WATT’S UP in Nieblum am Strand. Bleibt der Himmel klar, verbinden sich dabei Sternenbeobachtung und Musik. Für einige Termine sind bei schlechter Sicht Alternativen in Innenräumen vorgesehen. „Wir hoffen auf gutes Wetter“, sagt Hering – eine der wenigen Komponenten des Festivals, die selbst das Organisationsteam nicht planen kann.
Auch wissenschaftlich werden die Gezeiten betrachtet. Am Dienstagabend spricht Dr. Christian Buschbaum im Upstalsboom unter dem Titel „Eine wärmere Nordseeküste“ über aktuelle Forschungsergebnisse zum Klimawandel an der Nordsee. An anderer Stelle geht es wiederum um Menschen, deren Lebenswege selbst von Aufbruch und Veränderung geprägt waren. Andrea Paluch widmet sich am Mittwochabend im Haus des Gastes in Nieblum unter dem Titel „Alles für einen: Ruth Berlau“ der außergewöhnlichen dänischen Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin und eröffnet dabei zugleich eine neue Perspektive auf Bertolt Brecht. Paluch und Föhr erLesen verbindet inzwischen eine längere Geschichte. Das Organisationsteam blieb nach früheren gemeinsamen Veranstaltungen mit ihr in Kontakt und fragte auch für das diesjährige Festival wieder an. Genau daraus entstehen immer wieder Programmpunkte, die zunächst vielleicht nicht offensichtlich unter ein Motto wie „Gezeiten“ fallen, bei genauerem Hinsehen aber sehr wohl von Aufbruch, Veränderung und den unterschiedlichen Phasen eines Lebens erzählen.
Zu den ungewöhnlichsten Veranstaltungen gehört am Sonntag eine Lesung, bei der vorher niemand genau weiß, wann er selbst zum Publikum wird. Zwischen 11 und 15 Uhr steigt Gesa Hering irgendwo auf der Buslinie Wyk–Utersum–Wyk ein und beginnt zu lesen. Eine Anmeldung gibt es nicht. Wer zufällig im richtigen Bus sitzt, bekommt die Literatur gewissermaßen während der Fahrt serviert. Dass dieses Format inzwischen selbst beim Fahrpersonal bekannt ist, zeigte eine Begegnung im vergangenen Jahr. Hering stieg mit ihrer obligatorischen Bonbontüte in einen Bus, der Fahrer fragte zunächst nach ihrem Ziel. Als sie lediglich „Föhr erLesen“ antwortete, wusste er sofort Bescheid. „Ja, ich habe den ganzen Morgen davon geträumt, dass ich dran bin“, habe er ihr gesagt. Welchen Bus Hering diesmal erwischt, wird natürlich vorher nicht verraten. Am selben Sonntag gibt es um 11 Uhr auf der Mittelbrücke ein weiteres ungewöhnliches Format: Bei „GEZEITEN auf dem Teller – Typisch Föhr“ kommt das Festival mit Birte Münster-Peters kulinarisch ins Gespräch. Am Donnerstag folgt im Sperrgutbasar unter dem Titel „Viel zu gut zum Wegwerfen“ eine zweite Ausgabe, bei der nachhaltige Ideen und kulinarische Inspirationen von der Insel im Mittelpunkt stehen.
Was Gesa Hering besonders wichtig ist, lässt sich kaum an einem einzelnen Termin festmachen. Über sechs Festivaljahre ist auf Föhr ein immer größeres Netzwerk entstanden. Museen und Büchereien gehören ebenso dazu wie Buchhandlungen, touristische Einrichtungen und zahlreiche weitere Partner. Veranstaltungen finden im Kurgartensaal, im Friesen-Museum, im Museum Kunst der Westküste, im Nationalpark-Haus, im Haus des Gastes Nieblum, im Upstalsboom, in Kirchen und an vielen weiteren Orten statt. Genau diese Zusammenarbeit entspricht der ursprünglichen Vorstellung des Teams. Föhr erLesen soll kein Festival sein, das isoliert von wenigen Organisatoren durchgeführt wird. Ideen aus der Inselgemeinschaft sollen ausdrücklich dazukommen. Hering erzählte im Studio beispielsweise von ersten Gesprächen mit dem Hospizverein und einem Altenheim. Für kommende Ausgaben könne sie sich dort gemeinsame Formate mit Geschichten, Gesang sowie plattdeutscher oder friesischer Sprache vorstellen. Auch andere Partner hätten bereits signalisiert, im nächsten Jahr wieder oder erstmals dabei sein zu wollen.
So groß das Netzwerk inzwischen ist, so deutlich sprach Hering auch über eine Herausforderung: Föhr erLesen kostet Geld. Autorinnen und Autoren müssen auf die Insel kommen, Veranstaltungen vorbereitet und Plakate sowie Programmhefte produziert werden. Unterstützt wird das Festival bereits von unterschiedlichen Unternehmen und Institutionen. Trotzdem würde sich das Organisationsteam über weitere Förderer freuen. Denn die Entwicklung der vergangenen Jahre hat gleichzeitig den Anspruch wachsen lassen. Wenn bekannte Autorinnen, Autoren und andere Gäste nach Föhr geholt werden sollen, entstehen entsprechende Kosten. Das Team möchte die kulturelle Vielfalt des Festivals trotzdem erhalten und viele Angebote weiterhin niedrigschwellig zugänglich machen. Zahlreiche Veranstaltungen werden auf Spendenbasis angeboten.
Und selbst damit ist die Bandbreite des Programms längst nicht vollständig beschrieben. Detlev Jens bringt am Sonntagabend mit „Gefährliche Gezeiten“ einen Krimi in den Kurgartensaal. Am Mittwoch verbinden Sabine und Harald Duprée bei der Konzertlesung „Das Märchen vom Glück“ Musik mit Texten von Erich Kästner. Am Donnerstag liest Florian Knöppler „Mit dem ersten Licht“, bevor am Freitag unter anderem Mona Harry im Museum Kunst der Westküste mit „Fliegen ist doch eigentlich ganz leicht“ zu Gast ist. Am selben Abend stehen mit Michaela Jary und „Der Sommer der Inseltöchter“ sowie einem Konzert mit Birgit Wildeman und Tatjana Pavlenko weitere Veranstaltungen auf dem Programm.
Am Samstagabend gehört die Bühne im Kurgartensaal dann Gertrude von Holdt. Bei „Auf hoher See“ und „Die Halligpastorin“ geht es um Seeleute, Kapitänsverwandtschaft, hohen Seegang und ferne Länder. Das Festivalfinale folgt am Sonntag, 13. September: Nach der Führung „Maritime Revolutionen“ im Museum Kunst der Westküste endet Föhr erLesen um 18 Uhr im Friesen-Museum mit der inszenierten Lesung „Auflaufend Wasser“. Amrei Schnock, Torsten Tews und Annamária Cserepka erzählen dort von Tjark Evers, der auf einer Sandbank im Wattenmeer strandet – während das Wasser steigt.
Warum das Organisationsteam trotz des enormen Aufwands bereits über die nächste Ausgabe nachdenkt, zeigt für Gesa Hering eine Rückmeldung besonders gut. Ein Urlaubsgast hatte ihr nach einer früheren Ausgabe geschrieben. Er sei auf Föhr Fahrrad gefahren, habe die Luft genossen, gut gegessen und eine schöne Unterkunft gehabt. Doch erst eine Veranstaltung mit Geschichten und Musik habe dieses Urlaubserlebnis für ihn vollständig gemacht. Inneres und Äußeres seien für ihn in diesem Moment zusammengekommen, erinnerte sich Hering an die Nachricht. „Wenn sowas daraus kommt, dass jemand so ein bisschen davon mitnimmt von unseren Sachen, dann haben wir alles erreicht, was wir können“, sagt sie. Vielleicht beschreibt genau das am besten, was Föhr erLesen in seinem sechsten Jahr sein möchte. Nicht nur zehn Tage, an denen Bücher vorgelesen werden, sondern ein Festival, das Literatur mit der Insel verbindet – mit ihren Menschen, ihren Orten, dem Meer, dem Himmel und Geschichten, die manchmal dort auftauchen, wo man überhaupt nicht mit ihnen gerechnet hat.
Föhr erLesen beginnt am Freitag, 4. September, und läuft bis Sonntag, 13. September 2026. Das vollständige Programm mit Veranstaltungsorten, Eintrittspreisen und erforderlichen Anmeldungen ist im offiziellen Programmheft sowie online abrufbar.
Foto: Stefan Gaul
Geschrieben von: admin
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