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Seit 1886 wird gemeinsam musiziert: Die Musikfreunde Föhr-West feiern ihr 140-jähriges Bestehen mit zwei großen Jubiläumstagen in Wyk und Nieblum.
140 Jahre, 29 aktive Musikerinnen und Musiker und eine Geschichte, die bis ins Jahr 1886 zurückreicht: Die Musikfreunde Föhr-West gehören seit Generationen zum Inselleben. Sie spielen bei Platzkonzerten und Feuerwehrumzügen, auf Festen und bei besonderen Inselereignissen – und längst nicht mehr nur Marsch, Walzer oder Polka. Beatles, Simon & Garfunkel und selbst aktuelle Mallorca-Hits gehören heute ebenso zum Repertoire. Am Wochenende des 22. und 23. August feiert Schleswig-Holsteins älteste Blaskapelle ihr außergewöhnliches Jubiläum mit zwei großen Festtagen in Wyk und Nieblum. Kurz vorher hat unsere Redaktion ausführlich mit Dirigent Hark-Ocke Hinrichsen und Sonja Stitz gesprochen – über 140 Jahre Geschichte, eine ganz besondere Gemeinschaft und darüber, warum ausgerechnet der 140. Geburtstag so groß gefeiert wird.
Ein 140. Geburtstag ist auf den ersten Blick vielleicht kein klassisches rundes Jubiläum. Für die Musikfreunde war trotzdem schnell klar: Wenn gefeiert wird, dann jetzt. Die Kapelle ist derzeit mit 29 Aktiven stark aufgestellt, mehrere junge Musikerinnen und Musiker gehören dazu und musikalisch kann das Orchester aus dem Vollen schöpfen. „Wir sind im Moment so gut besetzt“, sagt Hark-Ocke Hinrichsen. Ein kompletter Saxophonsatz, gute Sängerinnen und Sänger und eine große musikalische Bandbreite ermöglichen heute ein Repertoire, das weit über klassische Blasmusik hinausgeht. Und da gibt es noch einen anderen Grund, nicht bis 2036 zu warten. Viele Mitglieder haben bereits einen großen Teil ihres Lebens mit den Musikfreunden verbracht. Niemand könne wissen, wie die Besetzung in zehn Jahren aussehe und wer beim 150. Geburtstag noch dabei sein könne. „Lass uns die Feste feiern, wie sie sind“, bringt Hark-Ocke Hinrichsen seine Gedanken auf den Punkt. Jetzt seien alle fit und könnten diesen Geburtstag gemeinsam erleben.
Der Blick zurück führt weit in das 19. Jahrhundert. Als offizieller Ursprung der heutigen Musikfreunde gilt der 1. Februar 1886. Die Brüder Rathje aus Toftum hatten zuvor regelmäßig einen für heutige Verhältnisse bemerkenswerten Weg auf sich genommen. Zu Fuß gingen sie nach Boldixum, um beim dortigen Küster Musikunterricht zu erhalten – und anschließend wieder zurück nach Toftum. Ihr erworbenes Wissen gaben sie weiter. Am Stiftungstag der Oldsumer Feuerwehr trat die daraus entstandene Kapelle schließlich erstmals öffentlich auf. Dieser Auftritt gilt bis heute als Gründungsmoment der Musikfreunde Föhr-West. Dass diese Geschichte nicht nur auf mündlicher Überlieferung beruht, wurde Jahrzehnte später besonders wichtig. Für die Verleihung der Pro-Musica-Plakette musste die mehr als hundertjährige Geschichte des Orchesters nachgewiesen werden. Familienangehörige der Gründer konnten die Überlieferungen bestätigen. Die Musikfreunde erhielten schließlich die renommierte Auszeichnung – und gelten als älteste Blaskapelle Schleswig-Holsteins.
In 140 Jahren hat sich Föhr grundlegend verändert. Menschen kamen und gingen, Generationen übernahmen voneinander die Instrumente und aus einer kleinen Kapelle wurde ein Orchester mit heute 29 Aktiven. Etwas sei jedoch geblieben, sagt Hinrichsen: die Sprache. Fering sei ein wichtiger Teil der Identifikation innerhalb der Musikfreunde. Dazu komme ein besonderes Föhrer Miteinander. „Die Freundschaft und die Kameradschaft, die wir nach wie vor in unserem Orchester pflegen“, seien ebenso entscheidend wie der respektvolle Umgang miteinander. Wie stark diese Gemeinschaft sein kann, hat Sonja Stitz selbst erlebt. Sie stammt vom Festland, kam 2013 nach Föhr und hatte schon vorher Musik gemacht. Der entscheidende Moment kam beim Ringreiten. Dort sah sie die Kapelle vorbeiziehen – und wusste sofort: „Das ist es, das erfüllt mich, das will ich.“ Vorher wurde ihr noch prophezeit, dass es als Frau vom Festland bei den „Westföhrern“ schwierig werden könnte. Stitz ließ sich davon wenig beeindrucken, rief Hark-Ocke Hinrichsen an und war kurze Zeit später bei einer Probe dabei. „Seitdem werden sie mich nicht mehr los“, erzählt sie lachend. Heute versteht sie nach eigenen Angaben fast alles auf Fering – und wenn ein Wort fehlt, wird gelegentlich einfach eines erfunden.
Ganz anders verlief der Weg von Hark-Ocke Hinrichsen. Bei ihm war Musik von Anfang an Familiensache. Sein Vater spielte jahrzehntelang Tanzmusik auf Föhr und leitete auch die Musikfreunde. Hinrichsen selbst begann in der Dorfgemeinschaftsschule Süderende mit kostenlosem Flötenunterricht bei Dagmar Nissen. Später bildete Harald Nissen junge Bläser aus. Hinrichsen gehörte mit drei weiteren Musikern zum ersten Ausbildungsjahrgang. Viele weitere sollten folgen. Noch heute ist ihm wichtig, daran zu erinnern, dass Dagmar und Harald Nissen diese Nachwuchsarbeit unentgeltlich leisteten. Für die Musik im Föhrer Westen sei dieses Engagement von großer Bedeutung gewesen. Die Nachwuchsarbeit ist auch heute ein entscheidendes Thema. Denn die aktuelle Stärke von 29 Aktiven war keineswegs selbstverständlich. Zwischenzeitlich waren nur noch etwa 13 Musiker übrig. Dieser harte Kern hielt die Kapelle am Leben, ehe nach und nach neue Musikerinnen und Musiker dazukamen.
Wer bei einer 140 Jahre alten Blaskapelle ausschließlich an Polka, Walzer und Marschmusik denkt, dürfte bei den Musikfreunden schnell überrascht werden. Natürlich gehören die Klassiker weiterhin dazu. Doch daneben finden sich Beatles und Simon & Garfunkel ebenso im Repertoire wie moderne Titel und aktuelle Partyhits. Selbst Mallorca-Sommerhits werden eingeübt, wenn sie zu einem Auftritt passen. Gerade diese Offenheit ist für die Musikfreunde ein Teil des Erfolgs. Die Tradition wird bewahrt, ohne musikalisch stehenzubleiben. Das zeigt sich besonders bei Veranstaltungen, die mit dem klassischen Bild einer Blaskapelle nur wenig zu tun haben. Für Sonja Stitz gehört ausgerechnet das Bierpong zu ihren absoluten Lieblingsauftritten. Bei ihrem ersten Mal hatte sie ihrem Mann angekündigt, wahrscheinlich nach einer Stunde wieder zu Hause zu sein. Aus einer Stunde wurde ein langer Abend – und für sie eine der besten Partys, die sie auf Föhr erlebt hatte. Auch Hinrichsen erinnert sich gerne an solche Momente. Wenn ein Saal richtig in Bewegung gerate und die Musiker merkten, wie sie das Publikum immer weiter mitnehmen könnten, sei das etwas Besonderes. Er beschreibt es mit einem Bild, das wohl nur schwer besser passen könnte: Wenn es im Saal brodele „wie bei Asterix in dem großen Topf“, sei das für einen Musikanten kaum zu toppen.
Zwischen 50 und 70 Auftritte und Übungsabende kommen bei den Musikfreunden im Jahr zusammen. Platzkonzerte, Umzüge, Feiern und Veranstaltungen sorgen dafür, dass die Instrumente regelmäßig ausgepackt werden. Warum man das nach vielen Jahren noch macht? Für Hinrichsen sind es die Freude an der Musik, die Gemeinschaft und nicht zuletzt die Reaktion des Publikums. Nur für sich selbst zu spielen, reicht ihm nicht. Die musikalische Botschaft müsse bei den Menschen ankommen. „Der Applaus ist ja das Brot des Künstlers“, sagt er – und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu, dass das selbst für „uns Dorfmusikanten“ gelte.
Hinter dem Jubiläumswochenende steckt erheblich mehr Arbeit, als Besucher am Ende sehen werden. Seit rund anderthalb Jahren laufen die Vorbereitungen. Termine mussten abgestimmt, Musiker und Gäste eingeladen, Veranstaltungsorte organisiert und ein Programm zusammengestellt werden, das der langen Geschichte der Kapelle gerecht wird. Dabei feiern die Musikfreunde nicht allein. Freunde von Föhr und Amrum gehören ausdrücklich dazu. Besonders freut sich die Kapelle über die Musikfreunde Osterland-Föhr und die Amrumer Blaskapelle. Letztere hätten ursprünglich sogar zu Fuß durchs Watt kommen wollen, erzählt Hinrichsen – die Tide machte dem Plan allerdings einen Strich durch die Rechnung.
Los geht das öffentliche Jubiläumsprogramm am Samstag, 22. August, um 15 Uhr am Musikpavillon am Wyker Sandwall. Die Musikfreunde Föhr-West, die Musikfreunde Osterland-Föhr und die Amrumer Blaskapelle gestalten gemeinsam den musikalischen Nachmittag. Auch die Trachtengruppe Utersum ist dabei und zeigt mehrere Tänze. Nach rund eineinhalb bis zwei Stunden setzt sich ein gemeinsamer Festumzug durch die Wyker Innenstadt in Richtung Nationalparkhalle in Bewegung. Dort folgt der zweite Teil des Tages. Nach dem Empfang und einem gemeinsamen Essen stehen Begrüßung, Festrede und Grußworte auf dem Programm. Eine Präsentation mit historischen Aufnahmen soll die vergangenen 140 Jahre noch einmal lebendig werden lassen. Dabei wollen die Musikfreunde nicht nur auf besondere Ereignisse zurückblicken, sondern auch an verstorbene Musikkollegen erinnern. Für den musikalischen Abend wurden die „Egerländer 6“ eingeladen, die den Musikfreunden bereits von früheren Auftritten auf Föhr vertraut sind. Neben den geladenen Gästen können auch weitere Interessierte am Festabend teilnehmen. Karten sind nach Angaben der Musikfreunde über die Verkaufsstellen der Föhr Tourismus GmbH und den Online-Ticketshop erhältlich.
Nach einer vermutlich kurzen Nacht geht das Jubiläum am Sonntag, 23. August, weiter. Ab 15 Uhr wird an der Meere in Nieblum öffentlich gefeiert. Zunächst stehen die Musikfreunde selbst auf der Bühne, anschließend übernehmen die Egerländer 6. Der Sonntag ist bewusst als Nachmittag für die ganze Familie angelegt. Die Freiwillige Feuerwehr Nieblum unterstützt beim Catering, dazu gibt es ein Kinderprogramm und verschiedene Spezialitäten von den Inseln. Unter anderem sollen Föhrer Wein, Amrumer Käse und Inselbier angeboten werden. Wie lange die Musik am Ende dauert, dürfte auch vom Publikum abhängen. Die Egerländer hätten angekündigt, so Hinrichsen augenzwinkernd, sie spielten, „bis der Letzte den Ort des Grauens verlassen hat“. Ob das früh oder spät sein wird, lässt er offen – rechnet aber eher mit Letzterem.
Wer auf eine derart lange Geschichte zurückblicken kann, hat mehr erlebt als Konzerte auf der eigenen Insel. Reisen und besondere Auftritte gehören ebenfalls zur Geschichte der Musikfreunde. Hinrichsen erinnert sich beispielsweise an eine Touristikmesse in Hamburg Anfang der 1980er-Jahre. Dort präsentierten sich Föhr und Amrum mit einem nachgebauten Friesenhaus. In dessen Innerem fanden die Musiker unter anderem ausreichend Vorräte für das eine oder andere Getränk – und machten gemeinsam mit Messebesuchern offenbar ausgiebig Gebrauch davon. Die passenden Beweisfotos existieren bis heute und sollen beim Jubiläum wieder auftauchen. Auch internationale Reisen gehören zur Geschichte. Die Musikfreunde waren unter anderem in den USA und nahmen an der berühmten Steuben-Parade in New York teil. Zum Jubiläum werden deshalb nicht nur viele Erinnerungen, sondern auch langjährige Wegbegleiter erwartet.
Bei aller Freude über die Vergangenheit richtet sich der Blick an diesem Wochenende auch nach vorne. Denn irgendwann werden andere den Staffelstab übernehmen. Hinrichsen wünscht den kommenden Generationen vor allem, dass ihnen die Musik genauso viel geben möge wie den Menschen, die das Orchester bisher getragen haben. Sonja Stitz hofft, dass die Tradition weitergelebt wird – ohne dass dabei der Spaß an der Gemeinschaft verloren geht. Und dann wäre da noch das Jahr 2036. Dann könnten die Musikfreunde Föhr-West ihren 150. Geburtstag feiern. Hinrichsen rechnet vor, dass er dann 76 wäre und lässt seine Teilnahme mit viel Humor offen. Bei Sonja Stitz klingt die Sache eindeutiger. Sie werde schließlich „auf ewig 29“ bleiben – und freue sich bereits auf das nächste große Jubiläum.
Bevor es soweit ist, sollen aber erst einmal diese 140 Jahre gefeiert werden. Und nach anderthalb Jahren Vorbereitung ist der Wunsch für das bevorstehende Wochenende erstaunlich einfach. Wenn am Sonntagabend in Nieblum die letzten Instrumente eingepackt sind und langsam Ruhe einkehrt, möchte Sonja Stitz mit den Menschen, die dieses Jubiläum möglich gemacht haben, zusammensitzen. „Dass wir uns einmal in den Arm nehmen in Nieblum am Ententeich, einen schönen Absacker trinken und sagen: Jawohl, was war das ein schönes Fest.“ Hark-Ocke Hinrichsen muss diesem Wunsch nichts mehr hinzufügen. Nach 140 Jahren Musikgeschichte wäre es vermutlich der passendste Schlusston für ein ganz besonderes Wochenende.
Fotos: Stefan Gaul u. Musikfreunde Föhr-West
Geschrieben von: admin
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Feierabend. Durchatmen. Musik genießen. Mit dem passenden Soundtrack und einem Hauch Nordsee begleiten wir euch entspannt durch den Abend. Träumt euch nach Föhr.
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