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Mehr als 200 Jahre Wyker Tradition bekommen einen festen Erinnerungsort: Am Gezeitenbrunnen nahe der Schipperbank wurde die neue Gedenktafel für die Klingelmänner enthüllt.
Am Gezeitenbrunnen nahe der Schipperbank erinnert seit Dienstag eine neue Gedenktafel an die mehr als 200-jährige Geschichte der Wyker Klingelmänner. Die Idee entstand nach dem Tod des letzten Ausrufers 2023. Bis zum jetzigen Standort war es allerdings ein langer Weg.
Mit der Glocke durch die Straßen ziehen, Menschen zusammenrufen und anschließend verkünden, was es Neues gibt: Mehr als 200 Jahre gehörten die Klingelmänner zur Geschichte von Wyk. Seit Dienstag erinnert nun ein eigener Gedenkort an diese besondere Form der Nachrichtenübermittlung. Am Gezeitenbrunnen nahe der Schipperbank wurde eine neue Informationstafel feierlich enthüllt. Der Platz ist bewusst gewählt: Genau hier stand auch der bislang letzte Wyker Klingelmann immer wieder mit seinem Fahrrad. Bis zur Umsetzung war es allerdings ein längerer Weg – die ersten politischen Überlegungen reichen bis ins Jahr 2023 zurück. Unsere Redaktion war bei der Enthüllung dabei und sprach mit Bürgermeister Uli Hess sowie den Stadtvertretern Sybille Rotermund und Klaus Pott.
Der Weg zu diesem Erinnerungsort war deutlich länger als die eigentliche Enthüllung am Dienstag vermuten ließ. Auslöser für die Diskussion war der Tod des letzten Klingelmanns im September 2023. Damit endete vorerst eine Tradition, die zuvor noch einmal für viele Jahre sichtbar in das Wyker Stadtbild zurückgekehrt war. Im Dezember 2023 brachten Sybille Rotermund und Klaus Pott das Thema schließlich in die Stadtvertretung. Damals ging der Vorschlag noch deutlich weiter: Der Bereich am Gezeitenbrunnen sollte zum „Platz der Klingelmänner“ werden. Für diese Lösung fand sich zunächst keine ausreichende Unterstützung. Das Thema wurde zur weiteren Beratung in den zuständigen Ausschuss verwiesen.
In der Folge wurden unterschiedliche Möglichkeiten geprüft. Zwischenzeitlich stand auch ein Standort im Zusammenhang mit der Stadtsäule in der Mittelstraße zur Diskussion. Weil die dortige Umgestaltung jedoch noch nicht abgeschlossen ist, wollte man die Erinnerung an die Klingelmänner nicht auf unbestimmte Zeit verschieben. „Das Ganze hat tatsächlich wegen der Platzwahl gedauert“, erinnerte sich Klaus Pott bei der Einweihung. Unterschiedliche Gründe hätten gegen die jeweils diskutierten Varianten gesprochen. Umso größer sei nun die Freude darüber, dass die Tafel tatsächlich stehe.
Dass die Standortfrage mehr als eine rein städtebauliche Entscheidung war, wurde bei der Enthüllung besonders deutlich. Auch die Witwe des letzten Klingelmanns war am Dienstag vor Ort. Sybille Rotermund hatte kurz zuvor mit ihr gesprochen und berichtete anschließend unserer Redaktion von einer emotionalen Begegnung. Für die Witwe sei die Auseinandersetzung mit der Erinnerung verständlicherweise nicht einfach. Einen Gedenkort unmittelbar in der Nähe ihres eigenen Zuhauses hätte sie deshalb nicht gewollt. Mit der jetzt gefundenen Lösung könne sie dagegen gut leben. Die eigentliche Enthüllung verfolgte sie bewusst mit etwas Abstand. Für Rotermund war das ein besonderer Moment an einem ohnehin wichtigen Tag. Sie sprach davon, dass es nach dem langen Prozess nun endlich gelungen sei, eine mehr als 200 Jahre alte Tradition sichtbar zu dokumentieren und den Menschen näherzubringen.
Was heute innerhalb von Sekunden über Smartphone, Internet und soziale Netzwerke verbreitet wird, funktionierte in Wyk über Generationen völlig anders. Die Klingelmänner waren gewissermaßen ein mobiles Nachrichtenmedium ihrer Zeit. Mit einer Glocke machten sie auf sich aufmerksam, anschließend wurden Neuigkeiten und Bekanntmachungen ausgerufen. Das konnten Hinweise auf Veranstaltungen und Ausflugsfahrten sein, aber ebenso ganz alltägliche Informationen darüber, was gerade auf der Insel angekommen oder erhältlich war. In Zeiten, in denen Zeitungen nicht selbstverständlich täglich erschienen und längst nicht jeder Haushalt über ein Telefon verfügte, erfüllten die Ausrufer damit eine ganz praktische Funktion. Ihre Runden beschränkten sich zeitweise nicht einmal auf das Zentrum von Wyk. Später verloren die Klingelmänner durch die Entwicklung moderner Kommunikationsmittel ihre ursprüngliche Aufgabe. Nach einer jahrzehntelangen Unterbrechung wurde das Brauchtum 2009 wiederbelebt. Nun stand allerdings weniger die tatsächliche Nachrichtenübermittlung im Mittelpunkt. Der Klingelmann war zu einem lebendigen Stück Wyker Geschichte geworden – und entwickelte sich insbesondere bei Urlaubern zu einem bekannten und vielfach fotografierten Gesicht der Stadt.
Sybille Rotermund erinnerte sich bei der Einweihung besonders daran, wie der letzte Klingelmann auf Menschen zuging. Über viele Jahre habe sie ihn bei seinen Runden erlebt. Besonders fasziniert habe sie, wie er Urlauber angesprochen habe. Für nahezu jeden sei Zeit für ein freundliches Wort gewesen, gerade auch für Kinder. Genau diese persönliche Seite sei für sie ein Grund gewesen, das Brauchtum nicht einfach mit seinem Tod verschwinden zu lassen. Die neue Tafel soll deshalb nicht nur erklären, was ein Klingelmann überhaupt war. Sie erinnert gleichzeitig an eine Form der Begegnung, die über Generationen zum Stadtleben gehörte. Klaus Pott hofft deshalb, dass möglichst viele Insulaner selbst einmal am Gezeitenbrunnen stehen bleiben und sich den Text ansehen. Schließlich werde dort ein Kapitel von rund zwei Jahrhunderten Wyker Geschichte erzählt.
Bürgermeister Uli Hess machte bei der Einweihung keinen Hehl daraus, dass auf dem Weg zur fertigen Tafel lange diskutiert worden war. Für ihn zeigt das Projekt zugleich, dass eine gute Initiative nicht daran gemessen werden sollte, von welcher politischen Seite sie ursprünglich kommt. „Jede Initiative erst einmal ist willkommen“, sagte Hess. Natürlich müsse anschließend darüber gesprochen und abgewogen werden. Am Ende könne dabei durchaus auch ein Nein stehen. Bei der Klingelmann-Tafel sei nach der langen Suche allerdings irgendwann der Moment gekommen, eine Entscheidung zu treffen. Hess fasste seine Haltung mit drei Worten zusammen: „Einfach mal machen.“ Man müsse auch den Mut haben, nach einer Abwägung einen Weg einzuschlagen. Details könnten später gegebenenfalls noch angepasst werden. Dauerhafte Diskussionen allein brächten eine Stadt dagegen nicht weiter. Mit dem Standort nahe der Schipperbank sei nun eine Lösung gefunden worden, die aus seiner Sicht der Geschichte gerecht werde und zugleich dafür sorge, dass viele Menschen überhaupt auf die Tafel aufmerksam werden.
Die Einweihung soll zudem nicht das letzte Projekt dieser Art in Wyk bleiben. Hess kündigte an, dass weitere Tafeln folgen sollen, die sich mit ganz unterschiedlichen Kapiteln der Stadtgeschichte beschäftigen. Im November soll unter anderem an die Geschichte der Verschickungskinder erinnert werden. Weitere Erinnerungsorte sind im Zusammenhang mit dem ehemaligen Haus Schöneberg sowie einem früheren jüdischen Kinderheim vorgesehen. Dabei gehe es bewusst nicht ausschließlich um schöne Kapitel der Vergangenheit. Eine Stadt müsse sich ebenso mit schwierigen Teilen ihrer Geschichte auseinandersetzen und verhindern, dass diese in Vergessenheit geraten. Die Klingelmänner stehen auf dieser historischen Landkarte für ein Stück Brauchtum, das über Generationen den Alltag in Wyk mitprägte – und dessen bislang letztes Kapitel vielen Menschen noch sehr präsent ist.
Eine Frage konnte allerdings auch die neue Tafel nicht beantworten: Wird es irgendwann wieder einen Wyker Klingelmann geben? Klaus Pott hat angesichts von Smartphones und sozialen Medien Zweifel, ob sich tatsächlich ein Nachfolger finden wird. Ganz abgeschrieben hat er die Idee trotzdem nicht. Er würde sich freuen, wenn wieder jemand mit der Glocke über den Sandwall ziehen und für Einheimische und Urlauber zu einem besonderen Teil des Stadtbildes werden würde – vielleicht sogar, wie Pott scherzte, zum meistfotografierten Menschen der Insel. Während der Einweihung entwickelte sich daraus prompt eine ganz praktische Nachfolgersuche. Unsere Redaktion brachte augenzwinkernd einen auf Föhr bestens bekannten Kollegen der schreibenden Presse ins Gespräch, der schließlich irgendwann auch einmal eine Beschäftigung für den Ruhestand benötigen könnte. Sybille Rotermund konnte sich mit dem Gedanken offenbar durchaus anfreunden. Ein Problem sah sie allerdings noch: „Ihm fehlt die Glocke.“ Vielleicht ist die mehr als 200 Jahre alte Geschichte der Wyker Klingelmänner also doch noch nicht vollständig zu Ende erzählt.
Fotos: Stefan Gaul
Geschrieben von: admin
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